Zwei Reiche der Mitte

„Geschichte wiederholt sich“ ist ein geflügeltes Wort. Bei einer unzähligen Auswahl und keinerlei Limits bei der Interpretation stimmt dies immer irgendwie – oder auch nicht…

Die Volksrepublik China ist natürlich nicht eine Reinkarnation des Zweites Deutschen Kaiserreichs (1871-1918). Allerdings gibt es doch eine ganze Reihe an Ähnlichkeiten. Eine Vergleich kann nicht nur interessant sein, sondern auch mögliche zukünftige Entwicklungen andeuten.

Deutschlands Einigung

Deutschland war den Großteil seiner Geschichte kein geeintes Land. Auch wenn der deutsche Kaiser im Mittelalter theoretisch einer der mächtigsten Monarchen war, hinderte die Kleinstaaterei und die Königswahl Deutschland in Wirklichkeit doch massiv an einer Ausübung dieser theoretischen Macht. 1806 dankte der letzte Habsburg-Kaiser ab und das Deutsche Reich hörte zu existieren auf.

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Anton von Werner [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons


Als 1871 im Spiegelsaal von Versailles das neue deutsche Kaiserreich ausgerufen wurde, hatte der Staat immer noch föderale Elemente. Einige der Monarchen tauschten sogar noch mit fremden Staaten und untereinander Botschafter aus. Das änderte jedoch nichts daran, dass die Außenpolitik des neuen Staates geeint war. Es war der Kaiser, der die Armee im Kriegsfall befehligen würde. Es war der Kaiser, der über Krieg und Frieden bestimmen konnte. Aus dem zersplitterten Staatenhaufen in der Mitte Europas war ein Land geworden, dessen wirtschaftliche und vor allem militärische Macht die aller Nachbarn deutlich übertraf. War die Lage in der Mitte Europas bislang eher ein Problem, konnten doch viele Nachbarn am Land „nagen“, gab es nun eine Vielzahl an Ländern, die unmittelbar von der neuen europäischen Großmacht bedroht waren.

 

Chinas „Einigung“

Das Kaiserreich China sah sich in seiner Geschichte als Herrscher der Welt. Als die große Flotte und Zhang He auf ihren Reisen im 15. Jahrhundert andere Länder in ganz Asien besuchte, wurden die Gastgeschenke ganz selbstverständlich als Tributzahlungen empfunden. China sah sich selbst in einer so erdrückenden Machtposition, dass es für seine Elite undenkbar schien, ein anderes Land würde sich ihnen nicht beugen.

Da China sich jedoch einer Modernisierung widersetzte und sein ineffektives Staatssystem die Erhaltung seiner Machtposition verhinderte, begann im 19. Jahrhundert die Zeit der „ungleichen Verträge“ für das Land. Dabei diktierten ausländische Mächte, zunächst nur Westliche, dann auch Japan, dem Land Bedingungen für den Außenhandel und erzwangen sich beispielsweise, dass ihre eigenen Staatsbürger auch auf chinesischem Territorium keinem chinesischen Recht unterlagen. Aus dem mächtigsten Staat der Erde war ein tönerner Gigant geworden, dessen Fundament mit einem einzigen Hammerschlag zerstörbar schien.

Nach dem Sturz der Monarchie zerfiel das Land, Warlords übernahmen die Macht in den Regionen und führten untereinander Krieg. Etwas Hoffnung entstand mit den Kuomintang unter der Führung von Chiang Kai-Shek, der in den 30er Jahren die Einigung des Landes mit Feldzügen und Diplomatie vorantrieb. Doch sein Werk war noch nicht vollendet, als Japan den oben genannten Hammerschlag probierte.

Chiang Kai-shek(蔣中正)

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Ab 1937 führte Japan Krieg gegen China und eroberte weite Teile von Ost- und Südchina. Die chinesische Regierung konnte sich nur dank der Waffenhilfe aus dem Westen und der Sowietunion halten. Doch selbst im Krieg herrschte weiter keine Einigung, da die Kommunisten unter Mao eine Zusammenarbeit mit Chiang Kai-Sheks Nationalisten weitgehend verweigerten und statt dessen sogar einen Propagandafeldzug gegen sie unternahmen.

Nach dem 2. Weltkrieg ging der Chinesische Bürgerkrieg zu Gunsten der Kommunisten aus, mit amerikanischer Hilfe konnten sich die Nationalisten jedoch auf Taiwan halten, wo sie bis heute die Republik China bilden.

China war in der Folgezeit nicht nur geteilt, die katastrophale Politik Maos kostete zig Millionen Menschen das Leben, mal verhungert, mal ermordet. Auch wirtschaftlich blieb das Land trotz seiner gewaltigen Größe und der größten Bevölkerung der Welt unbedeutend. Das änderte sich jedoch unter Deng Xiaoping, dessen wirtschaftliche Reformen den Aufstieg Chinas zur Großmacht einleiteten. Wenn man so will ist China zwar nach wie vor nicht vereinigt, Taiwan ist immer noch ein unabhängiger Staat, doch der seit Dengs Reformen beginnende Aufstieg ist durchaus vergleichbar mit dem des Deutschen Kaiserreichs. In beiden Fällen wurde durch eine interne Entwicklung ein Machtzuwachs in Gang gesetzt, der das immer bestehende Potential des jeweiligen Staates zur Geltung brachte. In beiden Fällen führte dieser Machtzuwachs dazu, dass Staaten ihre bisherige Machtposition ernsthaft in Gefahr gebracht sehen.

 

Zerstörte Machtbalance in Europa

Die bisherige Machtbalance Europas war mit der Deutschen Einigung nachhaltig gestört. Bismarck, der sich darüber voll im Klaren war, sorgte in der Folge über ein Jahrzehnt lang dafür, dass sich Deutschland als saturierte Nation darstellte. Durch die bewusste Zurückhaltung konnten die Nachbarn etwas beruhigt werden und sich, abgesehen von dem nach Revanche dürstendem Frankreich, mit einem starken Deutschland abfinden. Auch ein spätes, dann aber schnelles, Ansammeln einiger Kolonien änderte daran nichts.

Erst als der alte Kanzler unter Wilhelm II. seinen Hut nahm, änderte sich die Situation. Deutschland war eine Großmacht und der neue Kaiser wollte seinem Land auch diesen Status verleihen. Im Prinzip wollte Deutschland nur das, was für alle anderen selbstverständlich schien und auch weitgehend akzeptiert wurde: Kolonien, eine der eigenen Macht entsprechende Außenpolitik und eine Flotte, die den gewaltigen deutschen Welthandel schützen sollte. Nichts davon war seinerzeit unerhört. Nichts davon war eine Unverschämtheit. Dennoch zerstörte es das europäische Machtgefüge nachhaltig.

Großbritannien hatte sich immer um die „Balance of Power“ in Europa bemüht. Kein Staat sollte die anderen dominieren dürfen, weshalb es viele Male gegen Frankreich in Kriegen interveniert hatte. Die eigene Flotte war erdrückend stärker als die seiner Konkurrenten, wofür im Zweifelsfall auch mit einem Angriff auf eine neutrale Nation gesorgt wurde.

Deutschland begann jedoch nicht nur Großbritanniens wirtschaftliche Macht zu gefährden, seine Armee war nach der Einigung die zweifelsfrei stärkste Europas. Mit den Flottengesetzen unter Tirpitz schickte sich das Reich zudem an, eine ernstzunehmende Flotte zu bauen.

 

Chinas Aufstieg gefährdet die Machtgefüge Asiens

Der Aufstieg der Volksrepublik ist durchaus mit dem des Deutschen Reiches zu vergleichen. Jahrzehntelang konnte China zwar nicht ignoriert werden, seine Präsenz, Unterstützung und Massenarmee entschied immerhin den Koreakrieg, den Indochinakrieg und den Vietnamkrieg, aber seine Fähigkeit diese Macht zu projizieren war praktisch nur auf seine unmittelbaren Außengrenzen beschränkt. Der Versuch Rotchinas, die Nationalchinesen auf Taiwan in den 90er Jahren zum Einlenken zu zwingen scheiterte noch an der Präsenz amerikanischer Flugzeugträger. Der Riese war nach wie vor nicht erwacht, auch wenn er sich bereits regte.

Die Entwicklung ging jedoch weiter und China ist heute in der Entwicklung auf dem Stand des deutschen Reiches von etwa 1900. Seine wirtschaftliche Macht ist im Wachsen begriffen und bereits zu beeindruckender Stärke gereift. Auch wenn die Verschuldung und die Überalterung das Land möglicherweise schon in wenigen Jahren stoppen könnten, so scheint seinem Wachstum aktuell jedoch ohne Grenzen zu sein. Wie seinerzeit der Erfolg der deutschen Wirtschaft bedroht die mit wirtschaftlicher Macht einher gehende politische Macht und das damit zur Verfügung stehende Fundament für militärische Macht die Machtposition der aktuellen Weltmacht. Seinerzeit war Großbritannien bedroht, heute seine ehemalige Kolonie, die USA.

 

Geltungssucht vor ihrer Zeit und Provokationen aus Berlin

Während das Deutsche Reich zwar zweifelsfrei die stärkste Armee hatte, war seine Flotte um die Jahrhundertwende noch kein allzu signifikanter Machtfaktor. Zwar hatte sich das Reich einige Kolonien gesichert, deren wirtschaftlicher und militärischer Wert waren jedoch fraglich.

Ihr großer Abstand zum Mutterland bedeutete, dass sie noch nicht einmal zu einer Autonomie für die Bekohlung dienen konnten. Kohle war seinerzeit der Treibstoff von Kriegsschiffen, die eine relativ kurze Reichweite von meist nur wenigen tausend Meilen hatten. Das heißt, nur wer alle paar tausend Meilen einen eigenen Hafen hatte, konnte seine Flotte unabhängig von anderen Mächten weltweit einsetzen. Deutschlands Kolonien waren dafür zu verstreut, eine deutsche Flotte würde Togo von Wilhelmshaven ohne Bekohlung unterwegs nicht erreichen.Was das im Kriegsfall bedeutet musste Russland in seinem Krieg gegen Japan 1904/5 erfahren, als das 2. Pazifische Geschwader sieben Monate brauchte, um nach Japan zu gelangen. (Für die Details dieser Odyssee empfehle ich „The Tsar’s Last Armada“ von Pleshakov)

 Während Deutschland also die Mittel für eine Weltmachtspolitik fehlten, sein wirklicher militärischer Einflussbereich beschränkte sich auf die direkten Nachbarn, versuchte das Reich eine Außenpolitik, die es für angemessen hielt. Vom dem Einsatz der SMS Arcona vor Venezuela 1892, dem Markomannia-Ziwschenfall 1902 über den Panthersprung nach Agadir hin zur Krügerdepesche handelte das Deutsche Reich selbstbewusst und innerhalb seines gefühlten Rechtes. Während die ersten beiden Beispiele zwar nur gegen unbedeutende Kleinstaaten erfolgten, widersprachen sie doch der Monroe-Doktrin, führten Deutschland also in einen Gegensatz zu den USA. Die anderen beiden Beispiele waren gegen europäische Machte gerichtet.

Jedes Mal konnte Deutschland das Recht für sich reklamieren. Als souveräner Staat durfte es selbstverständlich eine eigenständige Außenpolitik machen. Allerdings erfolgte jeder Einsatz dieser Macht ohne dass die militärischen Ausgangslage Deutschland in eine überlegene Machtposition gesetzt hätten. Jedes Mal riskierte Deutschland einen Konflikt mit anderen Großmächten allein aus Geltungssucht und dem Gefühl „Wir sind wer und der Rest hat das anzuerkennen.“ Im Rahmen dieser Geltungssucht ist wohl auch die Hunnenrede zu sehen.

 

Geltungssucht und Provokationen aus Peking

Chinas Armee modernisiert rasant und sein Budget erreicht jährlich neue Rekordhöhen. Neue Waffensysteme werden selbst entwickelt oder sind das Resultat erfolgreicher Spionage. China hat nun den ersten Flugzeugträger, auch wenn dessen wert nach wie vor eher symbolisch ist. Seine Schiffe dringen immer weiter auf die Weltmeere vor. Doch wie seinerzeit das deutsche Reich, so ist auch Chinas Flotte noch lange Zeit nur um die eigenen Küsten effektiv. Anders als die USA hat China bis dato noch keine Flottenstützpunkte auf anderen Kontinenten. Auch wenn die Nutzung burmesischer und pakistanischer Häfen wahrscheinlich ist, sind dort bis dato keine Schiffe stationiert.

Chinas Streitkräfte mögen modernisieren, es fehlt ihnen jedoch noch massiv an all dem „unattraktiven“ Militärgerät, welches eine Armee erst effektiv macht. Für seine Größe hat das Land viel zu wenig Transportflugzeuge, Flugzeuge zur Luftbetankung und Flugzeuge zur Überwachung des Luftraums. Seine Flotte mag eine wachsende Zahl an zunehmend konkurrenzfähigen Schiffen haben, es fehlt jedoch an Flottenversorgern jedweder Art. Diese Defizite werden die PLN noch mindestens bis 2020 in ihrer Effektivität unnötig einschränken.

Während also seine Streitkräfte noch unzureichend auf die Rolle einer potentiellen Weltmacht vorbereitet sind, tritt China inzwischen doch zunehmend robuster auf. Die unsinnigen territorialen Forderungen im Südchinesischen Meer werden inzwischen zunehmend militärisch durchgesetzt, um die Senkaku-Inseln riskiert China inzwischen immer offener einen militärischen Konflikt. Doch weil Konflikte mit Japan, Taiwan, den Philippinen, Malaysia, Brunei und Vietnam noch nicht auszureichen scheinen, sind erst vor kurzem chinesische Soldaten wieder über die „Line of actual control“ nach Indien vorgestoßen. Dort haben sie sogar ein Biwak errichtet.

Die „line of actual control“ in der Region Kashmir.

Wie Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhundert scheint China zunehmend bereit zu sein, in seiner Geltungssucht und in seinem Bestreben das gefühlte Anrecht auf eine Führungsposition in der Welt auch zunehmend mit militärischen Mitteln durchzusetzen. Dabei scheint man so selbstbewusst zu sein, dass die politischen Folgen eines solchen Verhaltens ignoriert werden. Ein Konflikt mit China würde wegen des bestehenden Bündnisses die USA in einen Konflikt ziehen.

Das Vorgehen im Südchinesischen Meer hat die ehemaligen Kriegsgegner Vietnam und USA inzwischen einander näher gebracht, auch die Beziehungen Indiens zu den USA verbessern sich zunehmend. Je lauter der chinesische Drache faucht, desto enger werden die Beziehungen all seiner Nachbarn. Wie seinerzeit das Deutsche Reich zwingt die VR China mit ihrem Verhalten also potentiell neutrale Nationen oder gar potentiell freundliche Nationen in ein System wechselseitiger Beziehungen, die schon in absehbarer Zukunft ein gegen Rotchina gerichtete Bündnisgeflecht werden könnten.

 

Abhängigkeit von der Seemacht

Doch auch in anderer Hinsicht sind die Parallelen existent. Beide Staaten waren in ihrer Zeit führende Mächte im Außenhandel. Beide Mächte waren wirtschaftlich von Importen und Exporten per See abhängig. Beide Mächte hatten jedoch zu keinem Zeitpunkt die Mittel, ihren Seehandel zu schützen. Während das Deutsche Reich sich auf britische Hilfe beim Schutz seiner Flotte verlassen musste – und zunächst auch konnte – ist China hilftlos, wenn es in einem Konflikt einer Blockade unterzogen wird.

Beide Staaten sind dabei auch im Wesentlichen geographisch von ihrem Zugang zum Welthandel eingeschränkt. Während deutsche Schiffe zum Erreichen der Ozeane entweder durch den Kanal, oder um Schottland fahren mussten, ist China von den Weltmeeren durch die „First Island Chain“, also den Inseln zwischen Borno und Kyushu, sowie den Meeresstraßen im Indonesischen Archipel (v.a. Straße von Malacca, Sundastraße, Lombokstraße) abhängig.

Wie seinerzeit Deutschland versucht auch die VR China, dem Rechnung zu tragen. Wie seinerzeit Deutschland wird China jedoch ebenfalls nicht zum Schutz seines Außenhandels gegen die führende Seemacht im Stande sein, sondern diese Seemacht mit seiner Aufrüstung nur provozieren und in Bündnisse gegen es drängen.

Deutschlands maritime Ambitionen und die Überzeugung nicht mehr auf Großbritannien Rücksicht nehmen zu müssen führte das Britische Empire aus der „splendid isolation“ in ein Bündnis mit Japan, dann auch mit Frankreich. Chinas Ambitionen führend zu einem Annähern all seiner südlichen Anrainer (abgesehen von Nordkorea) an die USA.

 

Die Unterschiede: Stärkere geographische Lage

Bei allen Parallelen gibt es doch einen großen Unterschied. Chinas geographische Position ist deutlich stärker. Die Großmacht Russland hat eine extrem lange gemeinsame Grenze, deren Infrastruktur auf chinesischer Seite weitgehend besser sein dürfte. Der potentielle Gegner Indien ist durch den Himalaya vom 1950  chinesischen besetzen und eingegliederten Tibet getrennt.

Deutschlands Armee mag die stärkste Europas gewesen sein, eine so überlegene Position wie die der PLA gegenüber seinen Nachbarn hatte sie jedoch nie. Der Schlieffen-Plan entstand aus der Angst, von Russland und Frankreich erdrückt zu werden. Keine Allianz der Nachbarstaaten scheint jedoch in der Lage zu sein, eine Invasion des chinesischen Herzlandes zu einer wirklichen Option werden zu lassen.

Auch wenn China durch die oben genannten Inselketten von den Weltmeeren getrennt ist, ist es hier nicht nur eine Nation, die diese kontrolliert. Auch sind weitaus mehr Optionen zum Erreichen der Ozeane verfügbar als sie Deutschland hatte und hat.

Insofern ist die geographische und geostrategische Lage Chinas deutlich besser als die von Deutschland anno 1900/1914.

 

Die Unterschiede: Moderne Technologie bringt Vorteile

Deutschland musste sich in seiner Vorbereitung auf einen potentiellen Konflikt mit England auf die Marine verlassen. Weder die Luftschiffe, noch die sich entwickelnden Flugzeuge hatten irgendeine Aussicht darauf, die reine Schlagkraft der Schlachtflotte zu ersetzen.

Torpedoboote und Uboote mögen einige Aussichten auf einen Ausgleich der Stärke gehabt haben, doch auch sie waren zu keinem Zeitpunkt in der Lage die Stärke der britischen Breitseiten auszugleichen. Dies war den deutschen Planern immerzu klar.

China hingegen stehen heute doch zahlreiche Mittel zur Verfügung. Uboote sind heute deutlich schlagkräftiger als sie es vor 100 Jahren waren. Sie sind heute eine realistische Bedrohung für die modernen „Schlachtflotten“, also die Flugzeugträgerkampfgruppen. Mit Stealth-Flugzeugen wie der J-20 dürfte China in etwa 10 Jahren über Mittel verfügen, ASM in Reichweite einer blockierenden Flotte zu bringen. Auch die DF-21D scheint ein probates Mittel zu sein, um die Überlegenheit der USN ein Stück weit zumindest vor den eigenen Küsten zu egalisieren.

Da die Abwehr gegen solche Mittel, im Besonderen gegen die DF-21D, deutlich teurer ist als das Mittel selbst, kann China auch bei einer möglicherweise nur begrenzten Effektivität der Raketen eine glaubhafte Abschreckung erzeugen ohne deshalb selbst eine große Flugzeugträgerflotte aufbauen zu müssen.

Angesichts der aktuellen Konfliktherde scheint es ausreichend zu sein, die USN einfach nur von der chinesischen Küste abzudrängen. Die Notwendigkeit die amerikanische Flotte in einer Seeschlacht tausende Meilen auf hoher See zu schlagen besteht da nicht unbedingt.

Wo Deutschland also Schiff für Schiff gegen die RN bauen musste, kann China mit wenigen hochwertigen Ubooten (die allerdings noch nicht existieren), Stealth-Flugzeugen und ballistischen Anti-Schiff-Raketen eine Überlegenheit des Gegners deutlich einfacher egalisieren. Eine solche Unterstützung der Flotte von Land aus war zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht möglich.

 

Die Unterschiede: Die Distanz zum Gegner

Deutschlands maritimer Rivale lag auf der anderen Seite der Nordsee. Selbst bei den kurzen Reichweiten damaliger Schlachtschiffe konnte Großbritannien seine ganze Flotte von Heimatbasen aus ohne weitere Logistik gegen Deutschland zum Einsatz bringen. Deutschland selbst fehlten die Basen, einer solchen Blockade auszuweichen. In einem Konflikt würde Deutschland daher zwangsläufig mit seiner Schlachtflotte, deren Reichweite zu kurz für Operationen im Atlantik war, mit dem Kopf voran gegen die Britische gehen.

China hingegen liegt viele tausend Meilen von den USA entfernt. Zwar verfügen die USA über ein Netz von Basen, ob in Guam oder bei verbündeten Staaten, doch jede dort verwendete Bombe, jede Gallone Flugzeugtreibstoff und jede dort verwendete Schraube muss letztendlich erst herbeigeschafft werden. Dies schränkt die Effektivität ein, auch wenn es sich um eine gerade darauf vorbereitete Streitmacht wie die USN handelt.

 

Chinas Aufstieg wäre nicht zu stoppen, wenn es sich nicht selbst stoppt

In sofern ist die Lage der VR China besser als die des Deutschen Reichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nicht nur weil die westlichen Demokratien heute einem militärischen Konflikt wann immer möglich ausweichen und die Verluste eines längeren Krieges gar nicht mehr zu tragen bereit sind, sondern auch weil seine Grundvoraussetzungen deutlich besser sind – wie oben genannt.

Den Aufstieg Chinas kann nur noch das Land selbst stoppen. Neben der drohenden Schuldenkrise kann auch die Überalterung durch die Ein-Kind-Politik das Land sehr schnell in seinem Aufstieg stoppen. Wo momentan noch wenige Kinder und wenige Rentner durch viele Arbeiter zu versorgen sind, droht schon in naher Zukunft eine demographische Bombe.

Doch selbst wenn Rotchina diese Probleme in den Griff bekommt, ist seine völlig verfrühte Aggressivität in der Außenpolitik ein großes Problem für den Aufstieg des Landes. Mit jeder Provokation zwingt es seine Nachbarn näher an einander.

Wie seinerzeit Deutschland durch das Bündnis von Russland und Frankreich, so droht auch China heute eine selbst verschuldete Einkreisung. Von Südkorea über Japan nach Taiwan, die Philippinen, Malaysia, Singapur und Thailand bildet sich bereits ein Ring eng mit den USA verbundener oder mit den USA verbündeter Staaten. In der Hinterhand, aber noch in „Schlagdistanz“ steht der enge Verbündete Australien vor einem raschen Aufstieg seiner militärischen Kapazitäten.

Doch damit nicht genug. die Aktionen der VR China treiben inzwischen auch Indien und Vietnam zunehmend in eine Nähe zu den USA, die beide Länder von sich aus wohl nie so gesucht hätten. Vietnam war immerhin noch vor 40 Jahren Kriegsgegner, das traditionell eher sozialistische Indien war eng mit der Sowjetunion verbunden. Heute scheinen diese Blockbildungen zu enden, da das Fauchen des chinesischen Drachens alle davon betroffenen Staaten in die Armee der USA treibt.

 

 

Nur am Rande: China hat sogar „sein Österreich-Ungarn“!

Wie sich historische Parallelen konstruieren lassen, zeigt Ostasien ein weiteres Mal. Wie das Deutsche Reich hat China einen Verbündeten, der nominell von großer Stärke ist, Nordkorea. Wie Österreich-Ungarn verfügt Nordkorea über eine große Armee, deren Kampfwert jedoch wie beim historischen Vorbild angezweifelt werden muss. Wie vor bald 100 Jahren hat auch China einen Verbündeten, der mehr Probleme schafft denn Hilfe bringt.

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