Wer waren die Schützen auf dem Majdan?

In einem vom russischen Geheimdienst abgehörten Telefonat zwischen Catherine Ashton und Urmas Paet, dem Außenminister Estlands, spricht dieser davon, eine Ärztin habe ihm gesagt dass es die gleichen Schützen gewesen seien, die sowohl Demonstranten wie auch Polizisten erschossen haben. Da es nicht zufällig vom Geheimdienst veröffentlicht wird, soll es die Revolution in der Ukraine diskreditieren. Doch was sagt dieser Mitschnitt bislang eigentlich aus?

Update:

Die ukrainische Ärztin hat sich inzwischen geäußert: „Ich selbst habe nur Demonstranten untersucht, die Wunden der Militärs kenne ich nicht“ Siehe Ende der Artikels.

Update Ende,

Vorsicht: Bilder von Schwerverletzten und Leichen untermalen das Video!

 

Paet berichtet, dass laut der Ärztin Olga Bogomolez die getöteten Menschen von beiden Seiten durch die gleichen Scharfschützen („the same snipers“) erschossen worden sein sollen. (8:30). Als Arzt sagt sie, sie könne beurteilen dass es die identische „Handschrift“ („hand writing“) und die gleichen Kugeln seien, die getötet haben (8:40). Es sei richtig verstörend, dass die neue Koalition es nicht untersuchen wolle. (8:50).

Auch wenn die sich Russland verbunden fühlenden Menschen nun frohlocken und sich bestätigt sehen, sollte hier, wie sonst auch, zunächst einmal hinterfragt werden, statt sich blindlings auf die in das eigene Weltbild passende Meldung zu stürzen.

Meine Einschätzung dazu:

Zunächst einmal gilt die Aussage wenig. Wie ich ohne ballistische Untersuchungen (die beispielsweise die Verwendung von nur einer Waffe belegen) nur durch Schussverletzungen die Täter auf „die gleichen Leute“ eingrenzen können will, ist mir ein Rätsel. Es ist ja wohl nicht so, dass die Mörder ihre Initialen mit Messern auf den Leichen hinterlassen hätten. Gleiche Schussverletzungen haben auch die Soldaten der Westfront im Ersten Weltkrieg gehabt, wenn sie beim Schauen über den Grabenrand erschossen wurden. Deshalb war dort noch lange kein „Majdan-Provokateur“ am Werk. Eine Schusswaffe ist kein Messer, wo man wohl tatsächlich erkennen kann mit welcher Hand und welcher Technik es geschwungen wurde. Solange nicht wie in einem Spielfilm eine rituelle Tötung wie durch einen Profikiller erfolgte, vielleicht noch mit Münzen auf die Augen gelegt, müssen zunächst einmal Beweise für diese Aussage vorgelegt werden. Als Medizin-Professor sollte Frau Bogomolets weiß Gott über medizinische Kenntnisse verfügen, eine Erklärung wie anhand von Schusswunden die Tätergruppe eingeschränkt werden soll, vor allem wenn die Menschen unter ähnlichen Bedingungen, beispielsweise hinter Deckung befindlich, erschossen wurden, steht meines Wissens noch aus.

Ein seriöser Umgang würde nun eine Untersuchung fordern. Die Projektile müssten abgeglichen werden, die Frage der Verletzungen müsste überprüft werden. Identische Kaliber, also „the same ammunition“, sind hingegen m.E. auch kein Argument, da auch in der Sowjetunion eine Standardisierung der Kaliber existierte und nichts dagegen spricht, wieso nicht auf beiden Seiten beispielsweise Waffen des Kaliber 7,62mm eingesetzt wurden.

Was allerdings beunruhigend ist, ist die Aussage dass die Übergangsregierung in Kiew eine Untersuchung angeblich verhindern will. Hier muss zunächst gefragt werden „Will sie das tatsächlich?“ Nach dem Mitschnitt verstehe ich das eher so, dass Paet sagt Olga Bogomolez habe ihm gesagt die Koalition wolle das nicht untersuchen. Hat sie es tatsächlich angefragt? Wenn man Wikipedia glaubt, soll Bogomolez ihre Studenten zur Teilnahme an den Majdan-Protesten ermutigt haben. Das spricht dafür, dass sie keine pro-russische Propaganda verbreitet.

Wenn es stimmt, dass sie es nicht untersuchen will, dann bedeutet das noch lange nicht, dass die Theorie der „identischen Scharfschützen“ stimmt und die Koalition es selbst – am besten in großer Absprache aller Beteiligten – beschlossen hat auf solche Methoden zurückzugreifen. Es kann aber bedeuten, dass die „Majdan-Koalition“ es wohl für möglich hält, dass es tatsächlich ein und derselbe Schütze war und er aus den eigenen Reihen kommt, beispielsweise von Seiten der Swoboda. Das ist wirklich verstörend! Hier gilt es aber zunächst einmal zu hinterfragen.

Gegen die Theorie, oder zumindest gegen Schützen aus dem Majdan-Lager spricht, dass die Parteigänger Janukovichs diesen unmittelbar nach den Toten haben fallen lassen. Hätten sie gewusst dass die Opfer von der Gegenseite ausgehen, sie hätten auch keine Untersuchung fürchten müssen und weiter zu ihrem Mann stehen können.

Was sollte man tun?

Man sollte jetzt wohl die Übergangsregierung auffordern, diese Zweifel auszuräumen. Hier hilft nur Transparenz, denn ein Verweigern der Untersuchungen wird ihren Gegnern nur noch mehr Munition liefern. Ein ignorieren dieser Vorwürfe darf es nicht geben!

Was würde es bedeuten?

Was würde es bedeuten, wenn es tatsächlich ein Provokateur gewesen wäre, der Menschen auf beiden Seiten erschossen hätte? So hart es klingt: Auch erst mal nicht viel. Denn so wenig die Ärztin erkennen kann ob identische Kaliber identische Schützen bedeuten, so unmöglich ist es für sie zu erkennen, WER der Schütze war und für wessen Seite er wirklich war. In dem Gespräch wird gesagt, es deute auf die Koalition hin. Tatsächlich ist die Weigerung es zu untersuchen, wenn sie tatsächlich stimmt, ein schweres Indiz in Richtung Majdan-Koalition.

Es ist dabei durchaus möglich, dass ein radikaler Anhänger der Revolution diese befeuern wollte. Es ist aber auch möglich, dass es ein Schütze von Janukovich war. Ermordete Polizisten rechtfertigen seinen harten Einsatz gegen die Demonstranten. Wenn nur Demonstranten erschossen werden, ist er ein Mörder. Sterben Menschen auf beiden Seiten, dann wehrt sich die Polizei nur. Theoretisch wäre auch eine russische Herkunft denkbar, wenn man davon ausgeht dass der alte KGB-Mann Putin eine Übernahme der Krim geplant hat. Unbestätigte Gerüchte über russische Soldaten in ukrainischen Berkut-Uniformen tauchten im Internet schon im Dezember auf.

So lange also kein Täter ermittelt wurde, die Opfer sich aber alle auf eine Waffe zurückführen lassen, würde also nur feststehen, dass jemand die Situation mit Menschenblut befeuern wollte!

Doch was würde es bedeuten, wenn es nun tatsächlich ein Schütze war, vielleicht von der Swoboda-Partei?

So wenig wie eine Vergewaltigung einer Ukrainerin auf der Krim durch einen russischen Soldaten einen „Einfall auf Befehl Putins zum Vergewaltigen der Ukrainerinnen“ bedeutet, so wenig bedeutet ein Mordschütze für sich genommen. Nur wenn klar wäre, dass er von der Partei selbst beauftragt wurde und nicht nur den Mitgliedsausweis hat, nur wenn alle beteiligten Parteien sich auf diese Methode geeinigt hätte – dann wäre es von Wert. Ansonsten ist es erst einmal nur das Verbrechen eines Einzelnen oder einer kleinen Gruppe.

Oder um es anders zu sagen: So wie ich, und nur ich, für die Artikel dieses Blogs verantwortlich bin, so ist ein Schütze, und nur er, für seine Mordopfer verantwortlich. Erst wenn klar wird, dass er auf fremden Auftrag hin handelte kann eine größere Gruppe als der oder die Täter zur Verantwortung gezogen werden.

Fazit:

Ein Zurückführen der Tötungen auf „the same people“ nur anhand von Schussverletzungen und Munition scheint mir völlig aus der Luft gegriffen. Ich hoffe, hier werden in Zukunft genauere Erläuterungen folgen. Den Vorwürfen muss jedoch nachgegangen werden. Wenn sich die Majdan-Koalition weigert, ist das ein sehr schlechtes Zeichen. Noch lange keines dafür, dass sie selbst verantwortlich ist, wohl aber dass sie befürchtet es könnte stimmen.

Entsprechend sollte eine Untersuchung mit größtmöglicher Transparenz erfolgen, auch wenn diese erfahrungsgemäß Verschwörungstheorien nicht verhindern können wird. Für alle an Fakten interessierten müssen diese jedoch gefunden werden.

Update:

Die Zeit berichtet:

„Die Ärztin Bogomolets dementierte inzwischen, dass sie gesagt hat, Polizisten und Demonstranten seien mit den gleichen Kugeln getötet worden. „Ich selbst habe nur Demonstranten untersucht, die Wunden der Militärs kenne ich nicht“, sagte sie dem britischen Telegraph. Sie habe aber um eine ausführliche forensische Untersuchung der Vorfälle gebeten. Sie hoffe, internationale Experten könnten herausfinden, wer wen mit welchen Waffen getötet habe. Sie sagte, sie könne die Einschätzung von Paet, dass die neue Kiewer Regierung hinter den Anschlägen stecke, nicht teilen. Paet sagt wiederum, er habe diese Einschätzung nie abgegeben.“ Dort auch ein Link zum Telegraph-Interview.

Update 2:

Die WELT hat mit ihren deutlich höheren Ressourcen und ihrem Zugang zu mehr Informationen einen sehr interessanten Artikel geschrieben, der die Dinge bewertet. Hier zu finden.

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