Warum ein Putsch scheitert

Es liegen noch nicht einmal im Ansatz alle Informationen über den Putschversuch in der Türkei vor, schon glauben alle zu wissen, wer dahinter steht. Natürlich nicht die Putschisten. Nein, bekannte „Experten“ erklären, Erdogan habe es selbst angezettelt und wer sonst vehement gegen jede Verschwörungstheorie wettert behauptet nun mit dem Brustton der Überzeugung, der Präsident eines NATO-Landes habe einen Putsch gegen sich selbst inszeniert. Andere zeigen, dass ihr Hass auf die NATO inzwischen das Niveau des großen Antisemitismus erreicht hat, der ebenfalls hinter jeden Ereignis ja eine jüdische Weltverschwörung sehen kann. So gibt es allen Ernstes Thesen im Internet, die NATO habe die Putschisten angestachelt, um eine nun wieder erfolgende Annäherung zwischen Russland und Erdogan zu torpedieren. Bei Großereignissen wie diesen ist es üblich, dass sich jeder mit ihnen beschäftigt und sich fast jeder dazu äußert, selbst wenn er von den relevanten Thematiken keinerlei Ahnung hat.

Nun ist es viel zu früh zu erklären, was die Hintergründe des Putschversuches gewesen sein sollen. Es gibt noch fast keine Informationen über die beteiligten Einheiten und erst Recht keine über die verantwortlichen Köpfe. All jenen, die ihr Heil generell in Verschwörungstheorien suchen, kann ich ohnehin niemals überzeugende Argumente liefern. Wer Ockhams Rasiermesser für das Gerät zum Trimmen von Barthaaren eines gewissen „Ockham“ hält und seine eigene Intuition für einen gerichtsfesten Beweis, dem kann ich nicht helfen. Aber es gibt genügend Menschen die das Vorgehen der Putschisten einfach nicht verstehen und daher mangels Verständnis an eine Verschwörung (über die der Putschisten hinaus, was natürlich eine Verschwörung war) glauben. Diesen will ich hier einen Erklärungsansatz liefern. Da es aber zu früh für eine Erklärung ist und sich einige meiner Aussagen in der Zukunft als falsch heraus stellen können, kann ich nicht genug betonen, dass es ein Erklärungsansatz ist. Es ist eine theoretische Abhandlung, keine Schilderung von Fakten. Es ist Spekulation, denn mehr ist anhand der Informationslage ohnehin nicht möglich.

Warum (1)

 

Die Grundlagen eines Putsches

Bei einem Militärputsch verschwören sich Offiziere darin, die Regierung abzusetzen. Dabei sind jedoch viele Umstände zu beachten. In Streitkräften mit einem gefestigtem Korpsgeist kann eine Vorbereitung völlig anders ablaufen als in den türkischen Streitkräften vor dem 15. Juli 2016. In Ägypten setzte das Militär beispielsweise Mohammed Mursi eine Frist, in der er ihre Forderungen zu erfüllen habe. Man erklärte also ganz offen von Seiten der Militärführung: „Tue was wir wollen, oder wir putschen.“ Als er es nicht tat, wurde geputscht. Möglich war dies nur, weil das Militär ohne jeden Zweifel hinter seiner militärischen Führung stand und der Putsch von der obersten Führung der Streitkräfte durchgeführt wurde. Dass es nennenswerte Zahlen an Überläufern geben könnte, stand zu keinem Zeitpunkt zur Debatte. Feldmarschall as-Sisi befahl den Putsch und die Soldaten gehorchten. Ähnlich war es beispielsweise auch beim Putsch von General Augsto Pinochet in Chile oder den zahlreichen Putschen in Thailand. Militärs mit geschlossenem und gefestigtem Korpsgeist und intakter Befehlskette führten Militärputsche durch, bei denen sie einfach befahlen und ihre Befehle befolgt wurden.

In all diesen Fällen gab es häufig nicht einmal Verschwörungen. Es gab keine geheimen Abmachungen in nennenswertem Umfang. Teilweise wurde der Putsch gar Tage voraus angekündigt. Möglich war dies, weil das Militär jeweils eine so gefestigte Struktur hatte, dass es als ausgeschlossen angesehen wurde, Teile der Streitkräfte würden die Putschisten vor Beginn ihrer Ausführung ausschalten oder gar der Polizei eine Verhaftung erlauben.

Dies war in der Türkei nicht so. Seitdem die AKP 2002 in der Türkei die Wahl gewonnen hatte, hat sie mit Hilfe der von der EU geforderten Demokratisierungsbestrebungen den kemalistischen Korpsgeist des Militärs unterhöhlt. Nach und nach wurde die Macht des Militärs gebrochen und es in steigendem Maße unter zivile Kontrolle gestellt. Dazu kamen zwei wesentliche Ereignisse. Zum einen die Ergenekon-Verschwörung, bei der hunderte oppositionelle Führungskräfte verhaftet wurden, darunter viele hohe Offiziere. Sie sollten einen Putsch vorbereitet und einen tiefen Staat gebildet haben. Nachdem ein Teil zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt wurde, hob das oberste Gericht alle Urteile auf, da die Verschwörung nie bewiesen wurde. Die Betroffen waren aber dennoch nicht nur über Jahre als Hochverräter diskreditiert, sondern zum Teil auch über Jahre in Haft oder Untersuchungshaft. Die Personen wurden also nicht nur aus dem Verkehr gezogen, sondern auch eine glaubhafte Drohkulisse erzeugt, was passiert, sollte man sich der Planung eines Putsches verdächtig machen. Mehrere Urteile mit lebenslangen Freiheitsstrafen, wegen des vorgeworfenen Planens eines Putsches, zeigten, was an Haft zu erwarten sein würde. Dies konnte nur einschüchternd auf das Militär wirken, zumal die Verhaftungen eben durch die Streitkräfte geduldet wurden. Ein Brigadegeneral oder Obrist mit dem Wunsch nach einem kemalistischen Umsturz musste zusehen, wie seine vermuteten Gesinnungsgenossen verhaftet, gedemütigt und lebenslang hinter Gittern verschwanden, während keiner seiner Kameraden in Uniform etwas dagegen zu tun wagte. Die Ergenekon-Affaire musste sich als effektive Abschreckung erweisen!

Der andere Faktor ist, dass die AKP-Regierung inzwischen dem Militär das genommen hat, was ihm so lange den Erhalt des kemalistischen Korpsgeistes ermöglicht hat. Sie hat den türkischen Streitkräften das Recht genommen, die Offiziere selbst auszuwählen und zu befördern. Diese seit vielen Jahrzehnten geltende Praxis hatte es ermöglicht, dass kemalistische Generäle dafür sorgten, dass jeder Führungsnachwuchs ebenfalls kemalistisch war. Wer es nicht war, wurde entweder nie Offizier oder nie befördert und blieb daher bis zu seinem Ausscheiden aus den Streitkräften bedeutungslos. Indem die Regierung der Türkei diese Praxis jedoch beendete, begann die kemalistische Orientierung der Streitkräfte zu zerfallen. ,Über Nacht konnten deshalb natürlich keine islamistischen Generäle auftauchen, aber der Weg zur Islamisierung der Streitkräfte wurde eröffnet. Gleichzeitig wurde Offizieren deutlich gemacht, dass eine strikte Einhaltung kemalistischer Prinzipien nun nicht mehr für die eigene Karriere erforderlich war, was ebenfalls dem Zerfall des kemalistischen Korpsgeistes förderlich war.

Als nun die Putschisten von 2016 ihre Tat zu planen begannen, standen sie vor völlig anderen Grundlagen als alle vorhergehenden Putschisten in der Türkei. Anders als früher, würde ein Putsch nicht mehr durch die oberste Führung der Streitkräfte durchgeführt werden. Anders als früher wäre wohl auch das nur scherzhafte Ansprechen eines Putsches nicht etwa folgenlos geblieben, sondern hätte drastische Folgen für die eigene Karriere und höchstwahrscheinlich sogar für die eigene Freiheit gehabt. Jeder, den man eventuell einweihen konnte, könnte der Regierung und den Behörden von den Plänen erzählen, diese damit zum Scheitern und die Putschisten hinter Gitter bringen. Es musste also die Zahl der Mitwisser auf ein Minimum reduziert werden. Schon gestern hatte ich spekuliert, dass ich es führ wahrscheinlich halte, der Putsch sei von Batallionsebene aus begonnen worden, also vorrangig von den Dienstgraden Major bis Oberst. Mich würde daher nicht verwundern, wenn wir am Ende erfahren, dass die Putschisten eine gemeinsame Vergangenheit haben, beispielsweise dass sie zu weiten Teilen eines Jahrgangs einer Militärakademie oder einer Weiterbildung entstammen. Um so einen Putsch unter den Bedingungen von 2016 zu planen, braucht man absolut vertrauenswürdige Partner und die hat man vor allem bei langer gemeinsamer Geschichte.

Die Zahl der Putschisten war also eingeschränkt. Der von mir vermutete Dienstgrad der Putschisten war hoch genug um eigenständig Kommandos zu geben, allerdings jeweils wohl kaum über mehr als etwa 1.000 Mann.

Obristen können durchaus erfolgreich putschen, aber nur unter anderen Bedingungen. Putsche durch Obristen sind oft genug erfolgreich, wenn das Militär sich hinter ihrem Ziel vereinigt und wenn ihre Maßnahme dem Willen wesentlicher bestimmender Teile des Volkes entspricht oder wenn die Entmachteten keinen Widerstand leisten. 1960 gab es keinen Widerstand in der Türkei durch die Entmachteten. Gaddafi war erfolgreich, weil jeder König Idris weghaben wollte, Nasser war erfolgreich, weil jeder König Faruq loswerden wollte. Keine dieser Bedingungen war hier gegeben.

 

Wie man einen Putsch durchführt

Wir wissen noch nichts über die Motive der Putschisten. Daher kann ich nicht oft genug betonen, dass dies hier eine Spekulation ist und keine Darstellung von Fakten. Es ist der Versuch einer logischen Erklärung anhand von Erkenntnissen über vergangene Militärputsche und über militärische Vorgehensweisen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wegen der oben genannten Umstände gab es also nur wenige eingeweihte Putschisten. Mich würde es nicht wundern, wenn die Zahl irgendwo zwischen 6 und 15 Obristen liegen dürfte. Man hatte also keinen ausreichend hohen Dienstgrad zur Verfügung um das Kommando über größere Einheiten zu haben, beispielsweise eine ganze Armee oder gar eine ganze Teilstreitkraft, während man gleichzeitig auch nur eine sehr beschränkte Anzahl an Soldaten zur Verfügung hatte. Die Putschisten sahen nun in den vergangen Monaten eine immer offener ausgelebte autokratische Praxis des türkischen Staatspräsidenten, der trotz seiner eigentlich rein repräsentativen Funktion de facto einfach die Macht usurpiert hatte. Während also die Demokratie ohnehin bereits im Argen lag, schritten die Islamisierungstendenzen der AKP-Regierung ohne Unterlass fort und der von der AKP-Regierung lange Zeit mit bewusstem und geradezu demonstrativem Ignorieren unterstütze IS begann, das Land mit einer Terrorwelle zu überziehen. Währenddessen dürfte es auch in der Türkei nicht wenigen Menschen klar sein, dass der nun fast schon als Bürgerkrieg zu beschreibende Konflikt in den kurdisch besiedelten Gebieten im Osten des Landes ebenfalls nicht nur vermeidbar gewesen wäre, sondern geradezu gezielt von Erdogan vom Zaum gebrochen wurde, um seine Macht im Lande zu sichern und verstärken. Während die kemalistischen Offiziere (ich nehme einfach mal an, dass sie es waren) zusahen, wie ihr Land den Terrorstaat nebenan durch weitgehendes Ignorieren von Schmuggel und Rekrutierung unterstützte, sahen sie die Fundamente sowohl von Kemalismus wie auch von der Demokratie in Windeseile erodieren, während zeitgleich Kameraden in einem völlig sinnlos begonnen Bürgerkrieg gegen die Kurden fielen und die Islamisten des IS ihre Landsleute ermordeten. Permanent unter der Bedrohung einer Entdeckung der eigenen Putschpläne stehend, entschlossen sie sich zu handeln. Ihre Wahl dürfte gewesen sein, ihr Bestes in einer Stunde der Not ihres Landes zu versuchen oder einzupacken und zu hoffen, dass die kommende Diktatur des Erdogan niemals von ihren Putschplänen erfahren würde, um sie so auch ohne durchgeführten Putsch lebenslang zu inhaftieren. Wenn wir von dieser Sicht ausgehen, war es das einzig logische, zu handeln. Sie versuchten den großen Wurf, egal wie klein ihre Chancen auch waren. Weil sie keine andere Wahl mehr sahen.

Man hört, der Putsch sei stümperhaft durchgeführt worden. Nun liegen bei weitem nicht alle Informationen vor, aber ich will dies nach meinem aktuellen Kenntnisstand bestreiten! Wenn meine Vermutung von nur einer Handvoll Obristen stimmt und diese alle das Kommando über ein Bataillon gehabt haben sollten, dann hätten sie einige tausend Soldaten befehligt, nicht mehr. Da man nicht jeden Koch mit einem Gewehr in der Hand zum Putschen schicken kann, waren die verfügbaren Kräfte, also wen man tatsächlich auf die Straße schicken kann, entsprechend noch einmal deutlich kleiner. Wenn man sich im Zugzwang sieht und nicht über genug Personal verfügt, dann muss man das Beste daraus machen und dies haben die Putschisten getan. Denn, das einzige worauf sie hoffen konnten war, dass sich nicht eingeweihte Offiziere mit ihren Einheiten beteiligen würden. Alles andere würden ihre beschränkten Kräfte verhindern. Um die Beteiligung anderer Einheiten zu erreichen, muss man diesen zeigen, dass man es ernst meint. Um Unentschlossene wenigstens von dem Versuch einer Niederschlagung des Putsches abzuhalten, muss man Stärke beweisen und abschrecken. Beides wurde versucht.

Die Sperrung der Bosporusbrücken ist unter diesem Gesichtspunkt zu sehen. Auf den Bildern war zu sehen, dass die Putschisten nur eine Fahrspur gesperrt hatten. Darüber hinaus hatten sie nur auf zwei von drei der Brücken eine Fahrspur gesperrt. Was also sollte diese Aktion überhaupt? Ganz einfach: Sie sollte ein Zeichen setzen. Mit dem Besetzen von zentralen Verkehrsknotenpunkten wie diesen Brücken war der Putsch nicht mehr zu ignorieren. Damit wurde jedem Offizier einer nicht beteiligten Einheit klar, was los war. Ein ernsthafter Versuch einer Sperrung wurde also gar nicht unternommen, würde er unter einem Angriff durch Loyalisten ohnehin zusammenbrechen. Wie sehr der erste Teil dieses Plans funktionierte, haben wir alle gesehen. Die Bilder von Soldaten und Panzern auf den Brücken gingen um die Welt. Jeder Offizier der türkischen Streitkräfte wusste, was Sache ist. Dass das ausgelöste Verkehrschaos eine Reaktion erschweren würde, dürfte ein positiver Nebeneffekt gewesen sein.

Um einen Putsch erfolgreich durchzuführen, muss man die Reaktionsmöglichkeiten der bestehenden Ordnung möglichst ausschalten oder zumindest einschränken. Dies wurde gemacht. Das Parlament wurde blockiert und bombardiert. Es wurden Soldaten geschickt um Erdogan zu verhaften und laut seiner Aussage wurde sein Aufenthaltsort kurz nach seinem Verlassen ebenfalls bombardiert. Mit ihren beschränkten Ressourcen – ich gehe ja nur von wenigen Bataillonen aus – versuchten die Putschisten also das Möglichste zu erreichen. Sie versuchten Erdogan auszuschalten und das Parlament in seiner Handlungsfähigkeit einzuschränken. Wenn man schon nicht alle verhaften können würde, und ein Sturm auf das Parlament wurde ja gar nicht versucht, würde man sie wenigstens in die Schutzräume treiben, wo ihre Möglichkeiten zur Kommunikation eingeschränkt sein würden. Die Verhaftung Erdogans hätte geklappt, hätte man den  Bereich um seinen Aufenthaltsort umfangreicher absperren können, wofür mehr Soldaten nötig gewesen wären. Sie hätte geklappt, wenn man mit eigenen Kampfflugzeugen oder eigener Luftabwehr die Evakuierung hätte verhindern können. Doch diese Möglichkeiten standen nicht zur Verfügung. Man versuchte also wohl einen Bombenangriff in den ersten Momenten der Verwirrung, bevor die loyalen Teile des Militärs reagieren würden, während man einen Trupp Soldaten zur Verhaftung schickte.

Durch Angriffe auf den Militärgeheimdienst sollte dieser paralysiert werden und seine überlegenen Kommunikationsmittel dem Dienst der Loyalisten entzogen werden. Die Festnahme des Generalstabschefs sollte verhindern, dass dieser vor das Fernsehen tritt oder per Funk direkt Befehle zur Niederschlagung gibt. Ich würde, ohne die Fakten zu kennen, hier wetten, dass der Generalstabschef von den ihn festnehmenden Soldaten gefragt wurde, ob er sich an dem Putsch beteiligen wolle und ihn gar führen wolle, dass er aber ablehnte. Indem aber das Militär im Rahmen der eigenen Möglichkeiten „enthauptet“ wurde, sollte die Kommandostruktur aufgeweicht werden, was ein Überlaufen von anderen Einheiten erleichtern würde. Gleichzeitig würde ein solches Ausschalten der Militärführung die Koordinierung der Gegenwehr extrem erschweren und die Reaktionszeiten verlängern. Dies zeigt, dass die Putschisten wohl zu Beginn über einige Flugzeuge verfügten, diese aber sehr schnell vom Himmel verschwanden, sobald der Rest des Militärs seine Flugzeuge und Flugabwehr aktivierte und auf den vorhanden Militärflughäfen seine Kontrolle konsolidierte.

Ein weiterer Faktor zum Garantieren des Erfolgs eines Putsches ist das Besetzen von Verkehrsknotenpunkten, um die Bewegungsmöglichkeiten von Loyalisten und den Köpfen der Regierung einzuschränken, damit diese sich nicht mehr konzentrieren können. Mit den geringen vorhanden Kräften wurde dies versucht. Sowohl die Flughäfen von Ankara, wie auch der von Istanbul wurden besetzt. Als jedoch loyalistische Zivilisten und Polizeistreitkräfte nach der Aufforderung von Erdogan zu diesen Orten eilten, hätten die schwachen Kräfte der Putschisten in die zumeist unbewaffnete Menge schießen müssen, um die Menschen trotz ihrer geringen Zahl aufzuhalten. Da zu diesem Zeitpunkt bereits klar war, dass sich nicht das ganze Militär geschlossen hinter die Putschisten stellt, wurde fast überall darauf verzichtet und die geringen Kräfte der Putschisten ergaben sich oder rückten freiwillig ab, als die Tötung ihrer unbewaffneten Landsleute sich als einzige Alternative dazu erwies. Nicht zuletzt auch, weil die einfachen Soldaten ja nicht vorab informiert wurden, sie würden putschen. Sie folgten schlicht ihren Befehlshabern und fanden sich unvermittelt als Aufständische gegen die Regierung wieder. Um weitere Verkehrsknotenpunkte zu besetzen, also Autobahnkreuze, Eisenbahnknotenpunkte und Ähnliches, waren die Kräfte der Putschisten schlicht zu schwach.

Um erfolgreich zu putschen, muss man nicht nur die Verkehrsknotenpunkte besetzen, sondern auch die Kommunikation lahmlegen, damit sich die Loyalisten überhaupt nicht organisieren können. Dies wurde im Ansatz versucht, indem man es tatsächlich schaffte, soziale Netzwerke (Twitter, Facebook und wohl auch Youtube) zu sperren, was für die Schwäche der Putschisten eine beeindruckende Leistung ist, mussten sie doch genau wissen, wo eine solche landesweite Sperrung zu erreichen ist und diese auch durchführen. Die Sperrung zeigt, dass der Versuch des Abschneidens der Kommunikation durchaus ernsthaft versucht wurde, zumindest im Rahmen der Möglichkeiten. Darüber hinaus besetzte man das staatliche Fernsehen. Dort ließ man eine Erklärung verlesen, wonach man den Säkularismus wiederherstellen würde und verhängte eine Ausgangssperre. Angesichts geringer eigener Kräfte konnten nicht alle Fernsehsender auf einmal besetzt werden, bei CNN Türk versuchte man es ja etwas später noch zusätzlich. Da ein staatlicher Sender am schnellsten mit der Organisation eines Widerstandes beginnen würde, unterliegt er doch der Kontrolle der Regierung gegen die gerade geputscht wird, war er natürlich das erste Ziel. Indem man dort seine Erklärung verlesen lassen würde, würde man zudem klar machen, dass es kein Scherz oder Internet-Hoax ist, seine Ernsthaftigkeit beweisen und zugleich das ganze Land erreichen. Man würde die Möglichkeiten schaffen, dass andere Einheiten ebenfalls überlaufen konnten.

Der Plan war, wenn wir meine Annahme der verfügbaren Möglichkeiten akzeptieren, weder schlecht, noch dumm, noch unprofessionell. Er war den Umständen entsprechend und musste mit der Hoffnung arbeiten, er würde als Fanal gelten, der die Gegner Erdogans zu den Waffen ruft.

Nachtrag: „Der prominente türkische Autor und Journalist Ahmet Sik bringt die Möglichkeit ins Spiel, dass die Regierung von dem Plan Wind bekam und die Umstürzler sich zum Handeln gezwungen sahen, bevor ihre Vorbereitungen abgeschlossen waren.“ so die Wirtschaftswoche. Dies wäre in der Tat eine sehr plausible Erklärung.

 

Warum ein Putsch scheitert

Das Problem der Putschisten war also, dass sie ziemlich sicher nur dem zweiten Glied der Offiziersränge entsprangen. Ansonsten hätte sich auch ein ranghoher General gefunden, der seinen Namen für den Putsch hergegeben hätte. Da dieser aber wohl nicht zur Verfügung stand, wurde die Erklärung der Putschisten ohne die Nennung der Offiziere verlesen. Ihre geringe Anzahl machte den ganzen Putsch davon abhängig, dass sich andere Einheiten nach Bekanntwerden des Putsches sofort an die Seite der Putschisten stellen würden. Wäre Erdogan verhaftet worden, wäre dies vielleicht sogar passiert. Die Absetzung von 29 Obristen und inzwischen einer zweistelligen Zahl an Generälen deutet zumindest darauf hin, dass die AKP-Regierung immerhin bei etwa 60 hohen Offizieren und Kommandeuren von Einheiten (nicht jeder dieses Dienstgrades kommandiert allerdings eine eigene Einheit) eine Gefahr sah. Hätten sich all diese Offiziere mit ihren Einheiten beteiligt, wäre es vielleicht anders ausgegangen.

Die Putschisten führten also ein Vabanque-Spiel. Vermutlich, weil sie keine andere Wahl mehr sahen. Mit ihren Putschplänen waren sie ohnehin bereits verdammt und die Gelegenheit schien günstig. Wäre der Putsch von der militärischen Seite her erfolgreich gewesen, wäre er nämlich auch politisch erfolgreich gewesen. Denn auch wenn die einhellige Meinung ist, im 21. Jahrhundert dürfe kein Putsch mehr passieren, so waren die äußeren Umstände für das 21. Jahrhundert geradezu perfekt. Erdogans Verhalten hat in den letzten Monaten immer mehr ausländische Partner vor den Kopf gestoßen, während die Türkei selbst auch unter einer Militärregierung unangreifbar wirkt. Wäre es unter normalen Umständen zu einem Putsch gekommen, wären harte Sanktionen durch den Westen und nach dessen Vorbild anschließend auch durch andere wichtige Staaten die Folge gewesen. Die Mitgliedschaft der Türkei in der NATO wäre suspendiert worden und man hätte versucht, die  Putschisten mit enormem wirtschaftlichen Druck zum Einknicken zu bewegen. Indem aber Russland wieder von der NATO als Bedrohung verstanden wird, könnte die NATO 2016 unmöglich das Mitgliedsland mit der zweitgrößten Armee vor den Kopf stoßen. Man braucht schlicht die türkischen Soldaten für die Verteidigung der NATO. Doch auch ein Blick nach Süden zeigt, wieso die äußeren Umstände geradezu perfekt für einen Putsch waren. Wer will in der Türkei Chaos und einen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Zusammenbruch, ja vielleicht gar einen Bürgerkrieg, wenn man sieht was gerade in Syrien passiert? Niemand hätte das türkische Militär schwächen wollen, auch nach einem Putsch nicht, weil es, und nur es, als Bollwerk gegen die Ausbreitung des IS nach Norden fungiert. Die Rolle der Türkei im Kampf gegen den IS als Bereitsteller von Überflugrechten und Basen ist zu wichtig, als dass man auf sie hätte verzichten können, nur weil die Militärs einen Islamisten, den ohnehin keiner mochte, weggeputscht hätten.

Allerdings waren die Veränderungen und Säuberungen im türkischen Militär bereits zu effektiv gewesen. Wie oben geschildert konnten die Putschisten kein großes Netzwerk aufbauen und die Führung des Militärs wurde nach dem Beginn wohl ziemlich sicher gefragt, lehnte eine Beteiligung aber ab. Die wenigen Einheiten mussten also auf Verstärkung von Überläufern hoffen, wofür sie alles Nötige getan hatten. Allerdings zeigt sich hier, was für eine Verzweiflungstat es war.

Die Urteile bei Ergenekon belegen, dass Putschisten in der Türkei lebenslange Haft droht, jetzt wird ja sogar über die Todesstrafe diskutiert. Ein kemalistischer hoher Offizier mit Kommandogewalt über eine größere Einheit erfuhr also, wie tausende seiner Kameraden in vergleichbarer Position, in der Nacht des Putsches von dem Ereignis. Nachdem er davon erfuhr, musste er sich entscheiden. Wer länger als nur ein, zwei Minuten für die Antwort brauchte, würde sich verdächtig machen, er habe überlegt den Putsch unterstützen zu wollen. Dies könnte ein Grund für die verhafteten Generäle und Obristen sein. In diesen ein, zwei Minuten muss er nun also, selbst wenn er Sympathie hat und einen Putsch eigentlich herbeisehnt, die Entscheidung treffen, ob er sich beteiligt. Er wird darüber nachdenken. Dann wird er die Konsequenzen überdenken. Es ist nicht die Führung des Militärs, sondern nur ein paar des zweiten Glieds. Damit sind die Putschisten massiv in der Unterzahl und ihnen fehlt die eigentliche militärische Legitimation im Sinne der Kommandokette, um so etwas zu befehlen. Jederzeit kann jemand mit höherem Rang kommen und den Soldaten einfach die Rückkehr in die Kasernen oder das Niederlegen der Waffen befehlen. Sie meutern also. Sollte er sich ihnen anschließen, würde er sich höchstwahrscheinlich einer verlorenen Sache anschließen. Die Folge davon wäre sein Tod oder lebenslange Haft. Wenn er sich allerdings nicht beteiligt, was droht ihm dann? Gut, die AKP-Regierung behält die Kontrolle, was für ihn furchtbar ist. Aber wenn ihn dies nicht so weit bringt sein eigenes Leben für die Bekämpfung opfern zu wollen, dann droht ihm: nichts! Sollten die Putschisten erfolgreich sein, würden zu viele Einheiten sich nicht beteiligt haben, als dass er dafür von den Putschisten bestraft werden würde. Ihm würde kein Haft drohen, vermutlich noch nicht einmal die Enthebung von seinem Kommando. Auf der einen Seite wartet also der fast sichere Untergang, auf der anderen Seite wartet der Status Quo. Für die allermeisten Offiziere dürfte die Entscheidung unter diesen Umständen einfach gewesen sein. „Wenn nicht von der Division der Befehl kommt auszurücken, mache ich nichts. Ich warte einfach auf Befehl von oben.“ Damit blieb die Verstärkung für die Putschisten aus und als sich die Gegenwehr organisierte, brach er schnell in sich zusammen.

 

Aber, wie sind all diese Dinge zu erklären?

Es werden Bilder herumgereicht, wonach Erdogans Präsidentenmaschine lange über Istanbul mit eingeschaltetem Transponder kreiste. Dies muss der Beweis sein, dass er es inszeniert hatte. Nein, muss es nicht. Denn der einzige Beleg über die Verfügbarkeit von Kampfflugzeugen mit der Fähigkeit eine Verkehrsmaschine abzufangen für die Putschisten, sind die zu Beginn des Putsches geflogenen „Show of Force“ Flüge im Tiefflug und mit Überschall. Bislang sehe ich noch nicht einmal hier eine eindeutige Bestätigung, dass es wirklich Jets in den Händen von Putschisten waren, allein die Verfügbarkeit von Hubschraubern ist eindeutig belegt. Theoretisch hätten diese Jets im Tiefflug auch Loyalisten sein können, die die Putschisten abschrecken sollten, auch wenn dies unwahrscheinlich ist. Vermutlich waren es Jets in den Händen der Putschisten, doch was bedeutet das? Nicht viel. Nur, dass sie zu Beginn eine Handvoll Jets zur Verfügung hatten. Eine Handvoll von Hunderten, über die die türkische Luftwaffe verfügt. Diese Jets verbrauchen im Überschallflug in niedriger Höhe jedoch so extrem viel Treibstoff, dass ihre Flugzeit eher in Minuten, denn auch nur in halben Stunden anzugeben ist, braucht eine F-16 doch den Nachbrenner um Überschall zu erreichen. Damit waren diese Jets schon nach kurzer Zeit dazu gezwungen, zum Auftanken zu landen. Da wir oben erörtert haben, dass und warum die Putschisten nur über sehr beschränkte personelle Mittel verfügten, ist hier der Zeitpunkt, wo ein erneuter Start mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits durch Loyalisten verhindert wurde. Vielleicht konnten ein paar Jets auch zwei oder gar drei Einsätze fliegen, spätestens dann war jedoch Schluss.

Dies weiß auch der türkische Präsident, wenn nach dem ersten Schock die Informationen wieder halbwegs geordnet zu fließen beginnen. „Herr Präsident, wir haben alle Flugplätze mit Jets wieder unter Kontrolle, keine Jets der Putschisten sind mehr in der Luft.“ Wird ihm anschließend betätigt, dass sich keine Einheit mit Luftabwehrraketen am Putsch beteiligt hat und ist seine Präsidentenmaschine mit Werfern für Düppel und Wärmetäuschkörpern ausgestattet, wovon auszugehen ist, besteht fast kein Risiko mehr. Zumal die Präsidentenmaschine unter Garantie in dieser Nacht von Kampfflugzeugen eskortiert wurde, die ihre Transponder eben nicht eingeschaltet hatten. Wenn ihm also bestätigt wird, dass der Luftraum sicher sei, dann kann er in seiner Präsidentenmaschine starten. Wenn er anschließend über Istanbul kreist bis er die Bestätigung hat, dass der Flughafen wieder unter Kontrolle sei, dann erklärt dies auch die Transponderdaten.

Eine andere Aussage, von der ich gelesen habe, war, dass es ja unmöglich ein Zufall sein könnte, dass er einen Tag nach dem Putsch bereits eine Liste mit 2.700 Richtern habe, die zu entlassen seinen. Stimmt, das war kein Zufall. Dass seine Regierung sehr umfangreiche Listen mit Regimegegnern erstellen kann und erstellt, wissen wir spätestens seit Ergenekon. Dass eine zunehmend diktatorische Regierung unter Erdogan Listen mit Regimegegnern hat, sollte nun wirklich nicht überraschen. Dies war eher zu erwarten. Erst Recht, nachdem das türkische Justizsystem mit seiner Aufhebung der Ergenekon-Urteile der Regierung gezeigt hatte, dass es noch „auf Linie gebracht“ werden muss.

Erdogan profitiert aber doch! Stimmt, das tut er. Aber dies belegt mitnichten seine Komplizenschaft. Dass er die Ereignisse für eine Umgestaltung des Landes weiter in Richtung Diktatur und Neoosmanisches Reich nutzen wird, habe ich gestern bereits kommentiert, bevor die ersten genau dahin gehenden Maßnahmen bekannt wurden. Dass er es jedoch tut, auch dass seine Unterstützer mit wildem Allahu Akbar-Gebrülle und dem Hochhalten des einen Fingers sich wie die Anhänger des IS gebärdeten, dass ein bereits entwaffneter und ergebener Soldat auf einer der Brücken in Istanbul enthauptet wurde, zeigt ja genau, warum die Putschisten ihren Putsch durchführten, wenn es denn tatsächlich echte Kemalisten mit Sorge um ihr Land waren, was aktuell ja noch nicht bestätigt werden kann. Dass er davon profitiert, ist davon unbenommen. Schröder hat von der Oderflut profitiert, deshalb hat er dennoch keine Dämme sprengen lassen und mit chemischen Mitteln Starkregen auslösen lassen, um so gegen Edmund Stoiber zu gewinnen.

Der Putsch kam aber so unerwartet! hört man Leute sagen. Nein, kam er nicht. Schon das ganze Frühjahr über haben weltweit und im Besonderen in den USA Thinktanks vor der Möglichkeit eines Militärputsches in der Türkei gewarnt und seine Möglichkeit erörtert. Überraschend kam der Militärputsch nur für all jene, die sich davor nicht für diesem Thema interessiert hatten. Insidern war die Möglichkeit eines solchen Ereignisses seit langem bewusst! Die AKP selbst wusste ganz genau, dass sie seit 2002 von einem Putsch bedroht war. Genau deshalb führte sie ja die oben genannten Maßnahmen durch. Dass sie daher einen Plan für den Fall eines Putsches in der Schublade hatte, ist nicht nur logisch, alles andere wäre unverantwortbar fahrlässig gewesen. Dass sie also vorbereitet war, ist eigentlich selbstverständlich. Eine Komplizenschaft oder Inszenierung belegt dies aber ebenfalls nicht im Ansatz.

 

Kurzum, wenn wir die aktuell noch sehr dünne Informationslage zugrunde legen: Der Putsch war keineswegs dilettantisch, sondern im Rahmen seiner Möglichkeiten durchaus professionell durchgeführt. Alle vermeintlichen Belege für Verschwörungen sind völlig ausreichend, und erst Recht unter Anwendung von Ockhams Rasiermesser, durch Zufälle, Umstände der Nacht, Umstände militärischer Vorgehensweisen und Technik, sowie den Charakter von Erdogan und seiner Partei zu erklären. Dazu zeigt Erdogan seinen Charakter ja nur zu deutlich, wenn er mehrere hundert Tote und einen Militärputsch allen Ernstes als „Geschenk Gottes“ bezeichnet. Nötig wäre eine Inszenierung nicht gewesen. Denn die Welt hatte längst die neuen Realitäten der Türkei anerkannt, wo ein Präsident sich ohne verfassungsgemäße Grundlage einfach vom Grüßaugust zum Herrscher machte. Angela Merkel war ja zu Verhandlungen mit dem zeremoniellen Staatsoberhaupt angereist, wegen der „Flüchtlingskrise“, nicht etwa zum de jure Entscheider, dem Ministerpräsidenten. Erdogan hatte seine Macht bereits konsolidiert. Der Putschversuch hilft ihm bei dem Ausbau der Macht und der Ausschaltung der Opposition natürlich ungemein, das habe ich gestern erörtert. Aber dass er nutzen daraus ziehen kann, belegt nichts außer seinem Charakter. Dazu wäre es ein politisches Todesurteil und seine Garantie für eine Verhaftung, sollte jemals bekannt werden, dass er den Putsch gegen sich selbst inszeniert hätte. Dann würde er wegen Hochverrats und Mordes vor Gericht kommen und nach seinen möglicherweise bald selbst eingeführten neuen Gesetzen zum Tode verurteilt werden. Nein, ich denke nicht, dass er eine solche Inszenierung nötig gehabt hätte.

Dies heißt nicht, dass eine Inszenierung vollends auszuschließen wäre. Dies heißt nicht, dass man seinen rechten Arm darauf verwetten kann, dass unter Garantie der Geheimdienst nicht von Putschplänen wusste und auch nicht die Putschisten vielleicht ermutigt hätte, um Erdogan den Vorwand für den Umbau des Landes zu geben. Es heißt nur, dass es unwahrscheinlich ist. Es heißt nur, dass man ruhig ansprechen kann, es könnte theoretisch so sein, man sich aber nicht dazu hinreißen lassen sollte, es felsenfest zu behaupten, ohne es nach quellenkritischen Maßstäben belegen zu können.

 

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