Ukraine: Rammstoß als politisches Druckmittel

Die militärischen Chancen der Ukraine im jetzigen Konflikt sind nicht wirklich erfolgversprechend, auch politisch scheint kaum noch Hoffnung auf einen Erhalt einer ukrainischen Krim zu bestehen. Sollten jedoch Wille und Einigkeit oder aber die Verzweiflung im Land groß genug sein, könnte die Ukraine einen politischen Druck erzeugen, der möglicherweise Russland und den Westen zu Zugeständnissen zwingen könnte. Vergleichbar wäre dies jedoch ein wenig mit einem Banzai-Angriff oder einem Rammstoß auf hoher See.

Trireme 1

Eine Brieme mit Rammsporn
By Rama (Own work) [CC-BY-SA-2.0-fr], via Wikimedia Commons

Rammstoß als Taktik

In der Seefahrt gibt es seit jeher den Rammstoß. Dabei steuert man das eigene Schiff bewusst und geplant in ein anderes und rammt es. Mit etwas Glück wird dabei der eigens dafür angebrachte Rammsporn ein großes Leck unter der Wasserlinie bei dem anderen Schiff reißen. Begünstigt wird dies durch die Physik, da Schiffe an den Seiten gegen Druck empfindlicher sind als von vorne. Auch die verwenden Hölzer brechen naturgemäß leichter quer durch, als dass sie sich durch einen Stoß entlang der Fasern brechen ließen. Dennoch birgt diese Taktik hohe Risiken, selbst mit Vorbereitung des Schiffes.

So ist es keineswegs garantiert, dass ein Leck entsteht. Ein Manövern des zu rammenden Schiffes kann den Stoß deutlich abschwächen. Je nach Epoche muss das rammende Schiff dazu auch auf die mit Geschützen nur so gespickte Breitseite seines Opfers zufahren und kann währenddessen massiv unter Feuer genommen werden. Dreht das zu rammende Schiff ab und beide liegen plötzlich längsseits, kann der Angreifer sich plötzlich einem Enterkommando gegenübersehen oder seine Ruder (wenn es sich um eine Galeere oder ähnliches handelt) werden durch den Rumpf des anderen Schiffes abgebrochen. Doch selbst wenn der Rammstoß wie geplant klappt, ist die Gefahr nicht vorbei. Oft genug ist es passiert, dass die Besatzung des gerammten Schiff den Angreifer stürmte und so statt dem Versenken des Gegners die eigene Eroberung folgte. Oder aber beide Schiffe verkeilten sich in einander und das leck geschlagene Schiff riss den Angreifer mit in die Tiefe, wenn nicht ein Brand an Bord des angegriffenen Schiffs auf den Rammenden übersprang.

Kurzum: Rammen ist, bei aller Vorbereitung, hoch gefährlich. Es kann jedoch auch hoch effektiv sein, wie die Seeschlacht von Lissa zeigt.

Auch die Ukraine könnte rammen

Auch die Ukraine könnte eine vergleichbare Methode nutzen, um ihre eigene Stärke der Schwäche auszuspielen. So laufen praktisch alle russischen Piplines für den Westen durch das Land und transportieren 80% des russischen Gas und Öls. Gesetzt die Einigkeit im Lande wäre groß genug, und Hurra-Patriotismus angesichts des drohenden Verlustes von Staatsgebiet kann so etwas theoretisch durchaus erzeugen, könnte die Ukraine schlicht alle Piplines sperren und ggf. mit ihrer Zerstörung drohen. Auch eine ausreichend große Verzweiflung könnte zu diesem Schritt führen.

Die Folgen wären unmittelbar und hart. Sie würden alle Beteiligten – und alle die sich zu Gunsten der Ukraine in ihrer Sicht einmischen sollten – empfindlich treffen. Wenn das Gas nicht weitergeleitet wird, wird Russland die Hähne schließen.

In der Ukraine würde es kalt und die Einnahmen brächen weg.

Die Folgen wären auch für die Ukraine hart und sofort spürbar. Ohne das durchgeleitete Gas würden die Transitgebühren wegfallen, die einen nicht unerheblichen Teil des Staatshaushaltes ausmachen. Für das am Rande einer Staatspleite stehende Land wäre ein solcher Einbruch der Einnahmen folglich eine Katastrophe. Auch wenn der Frühling nun ansteht, wird das nicht länger gelieferte Gas wohl auch die Energieversorgung des Landes selbst massiv in Frage stellen, was zur Stilllegung von Industrie und zu ungeheizten Wohnungen führen würde.

Russland fehlte das Geld für einen Krieg

Russland mag Auslandsguthaben haben, doch seine Wirtschaft ist nicht im Mindesten konkurrenzfähig. Neben Öl und Gas und anderen Rohstoffen hat Russland eigentlich nur noch eine andere nennenswert exportierende Branche, die Rüstung. Bricht ein wesentlicher Teil des europäischen Rohstoffmarktes zusammen würden die wirtschaftlichen Folgen auch für Russland unmittelbar und einschneidend sein. Gerade eine angedrohte Zerstörung der Pipelines dürfte die Börsen auf Talfahrt schicken und auch der Rubel würde neue Tiefststände erhalten, was den Export verteuern und damit die Profite drastisch verringern würde. Russland könnte auf diese Art und Weise erpresst werden.

Auch Europa müsste einschreiten

Für Europa würde dies bedeuten, dass die Zufuhr an Gas praktisch völlig zusammenbrechen würde. Auch wenn Reserven vorhanden sind, reichen diese doch nur für wenige Monate. Alternativen sind sicherlich vorhanden, werden aktuell jedoch aus gutem Grund nicht genutzt, weil sie die Energiepreise deutlich erhöhen würden. Somit würde ein politischer Rammstoß in Richtung der europäischen Energieversorgung Druck auf Europa ausüben, sich für eine Lösung der Krise im ukrainischen Sinne einzusetzen.

Die Gesetze des Marktes gelten auch im aktuellen Krim-Konflikt

Die Gesetze des Marktes gelten auch 2014 in militärischen und politischen Konflikten. Jeder Beteiligte wägt permanent Kosten und Nutzen seiner Handlungen ab und definiert seine Interessen entsprechend dieser Abwägungen. Die Schwäche des Westens und im Besonderen der USA hat die Kosten einer Besetzung der Krim für Russland scheinbar so gering gemacht, dass Putin sich auf dieses Risiko eingelassen hat. Werden die Kosten jedoch so weit erhöht dass sie den Nutzen nicht mehr rechtfertigen, müsste er nachgeben müssen. Ihm bliebe nichts anderes übrig.

Ob die Ukraine jedoch die Geschlossenheit und den Willen für ein solches Vabanquespiel hat, darf bezweifelt werden. Entsprechend ist diese Ausführung als reines Gedankenspiel zu verstehen.

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