Trumps Militärschlag auf Syrien: Mehr Show als Effekt

Mit steigender Informationslage wird immer deutlicher, dass es bei dem amerikanischen Angriff auf die Shayrat-Luftwaffenbasis weniger um einen militärischen Nutzen, als um Show ging. Dazu passt, dass Trump seinen rotchinesischen Amtskollegen Xi-Jinping beim Schokoladenkuchen zusammen mit der chinesischen Führungsriege über den Angriff informierte.

 

Die militärischen Zusammenhänge

In einer Diskussion auf Facebook noch vor dem amerikanischen Militärschlag hatte ich argumentiert, dass ein Ausschalten der syrischen Luftwaffe nur mit Flugzeugen der amerikanischen Streitkräfte, nicht aber mit Marschflugkörpern gehe. Mindestens 16 Luftwaffenbasen sind aktuell durch die SAAF in Gebrauch, mit mindestens 355 befestigten Sheltern für Flugzeuge, Dazu noch sieben weitere zivile Flughäfen, von denen mehrere ebenfalls militärisch genutzt werden und nicht von Luftwaffenbasen aus operierenden Hubschraubern.

Indem Trump einen Einsatz von BGM-109 Tomahawk wählte, nutzte er eine Waffe, die inhärente Vor- und Nachteile hat. Der offensichtliche Vorteil ist, dass abgeschossene Flugkörper nicht zu gefallenen US-Soldaten oder gar propagandistisch auszuschlachtenden Gefangenen führen können. Gleichzeitig sind Marschflugkörper durch ihre Bauweise jedoch nur mit einer beschränkten Schlagkraft ausgestattet. Die Tomahawk kann zwar weit und sehr tief fliegen, was einerseits das Risiko der abschießenden Plattform (also hier des die Tomahawk startenden Schiffes) verringert und andererseits ein Abfangen erschwert. Gleichzeitig opfert die Tomahawk damit aber kinetische Schlagkraft, weil sie in nur Unterschall fliegt und auch nur wenig kinetische Energie in einem Stürzen auf das Ziel aufnehmen kann, wie auch Sprengkraft durch ihre beschränkte Größe. Damit wird der Flugkörper vor allem gegen ungepanzerte oder leicht gepanzerte Ziele effektiv.

Eine BGM-109 Tomahawk. Waffen dieses Typs kamen zum Einsatz.

Dies erklärt, wieso weit weniger Ziele getroffen wurden, als Flugkörper abgeschossen, weil möglicherweise einzelne Ziele von gleich mehreren Flugkörpern angegriffen wurden. Es erklärt aber auch, wieso Bilder aufgetaucht sind, die scheinbar völlig unbeschädigte Flugzeuge in HAS (Hardened Aircraft Shelter; Flugzeugbunker) nach dem Angriff auf dem Gelände fotografiert wurden. Während ungeschützte Gebäude von den Flugkörpern pulverisiert werden konnten, wäre dies bei geschützten Zielen schon merklich schwerer.

 

Militärschlag auf Sparflamme

Indem die USA Russland vorwarnten, konnte Russland sein Personal und Material abziehen, was einen unmittelbaren militärischen Konflikt mit Russland vermeiden half. Um aber eine Evakuierung der russischen Soldaten zu ermöglichen, muss die Vorwarnung mindestens eine Stunde, eher mehrere Stunden vorher erfolgt sein. Dies musste zwangsläufig die Effektivität des Einsatzes massiv beschränken, da Russland die syrische Regierung natürlich umgehend informiert hat. Diese hatte damit nicht nur Zeit, ihr (wertvolles) Personal weitgehend in Sicherheit zu bringen, sondern auch alles mobile wertvolle Material. Jedes bedingt startbereite, nicht einmal einsatzbereite, syrische Flugzeug dürfte entsprechend vorher abgehoben haben, wenn sich ein Pilot dafür gefunden hat. Hochwertiges Gerät und Material dürfte, sofern mobil, entweder von der Basis entfernt oder zumindest verstreut oder in Bunker gebracht worden sein. Während also von 20 zerstörten Flugzeugen die Rede ist, dürften die meisten davon Wracks oder nicht flugfähig gewesen sein, zumal die Bilder vom Flughafen ja unbeschädigte Flugzeuge in den HAS zeigen. Somit wurden entweder nicht alle HAS angegriffen oder aber nur die im Freien stehenden Flugzeuge zerstört. Die Flugzeuge, die das Giftgas abgeworfen haben, sind somit ziemlich sicher nicht zerstört worden.

Doch damit nicht genug. Die amerikanischen Kriegsschiffe haben zwar 59 Flugkörper abgeschossen, jedoch keineswegs ihre Magazine damit geleert. Während also einige Gebäude zerstört wurden, deren Wert ich ohne geheimdienstliche Informationen unmöglich einschätzen kann (theoretisch könnten es auch nur leere Lagerhäuser gewesen sein), war der Angriff ganz bewusst auf Sparflamme gehalten. Die Gebäude können durchaus wichtige Werkstätten und Ersatzteillager enthalten haben, die schwer ersetzlich sind und künftige Einsätze massiv erschweren. Allerdings verzichtete das US-Militär nicht nur bewusst auf einen Beschuss von Gebäuden, die Chemiewaffen enthalten könnten, sondern auch auf eine Zerstörung der Luftabwehr auf dem Gelände. Noch nicht einmal die Startbahnen und Taxiways wurden zerstört. Gerade für die letzten beiden Dinge sind die Marschflugkörper aber hervorragend geeignet, um nicht zu sagen: dafür sind sie eigentlich da.

Tatsächlich wurde aber nicht ein Marschflugkörper eingesetzt, der die betonierten Startbahnen dank Submunition mit Kratern überzieht, weshalb binnen 24 Stunden schon wieder Einsätze der SAAF von dem Flughafen geflogen wurden. Auch die Luftabwehr wurde unangetastet gelassen, was völlig untypisch für so einen Angriff ist. Normalerweise wären Startbahn und Luftabwehr Ziele mit hoher Priorität, weil sie die Flugzeuge vor Ort halten, aus der Luft angreifbar und damit in einem zweiten Schlag sicher zerstörbar machen würden. Eine ausgeschaltete Luftabwehr würde einen solchen zweiten Angriff dann auch ermöglichen. Würde man es also ernst gemeint haben, so hätte man zumindest die Voraussetzungen schaffen müssen, um anschließend die Arbeit mit Flugzeugen zu vollenden. Diese sind im Gegensatz zu Marschflugkörpern nämlich in der Lage, schwere panzerbrechende Bomben einzusetzen, die HAS samt Inhalt zuverlässig pulverisieren.

Wäre es den USA tatsächlich um eine Zerstörung des Angriffspotentials mit Chemiewaffen von diesem Flughafen gegangen, hätten sie jedoch Flugzeuge einsetzen müssen, womit sie mit den B-2 Tarnkappenbombern das richtige Gerät haben. Ein Angriff durch sie hätte auf der Luftwaffenbasis keinen Stein auf dem anderen gelassen. Darauf wurde jedoch verzichtet.

 

Es ging um Show

Indem der Militärschlag also mit einer Hand auf dem Rücken geführt wurde und dazu auf eine wirkliche Ausschaltung des Flughafens, auch nur für kurze Zeit, verzichtet wurde, stellt sich die Frage: Wieso?

Zum jetzigen Zeitpunkt bleibt hier fast nur eine Antwortmöglichkeit: Es ging um die Show, nicht um den tatsächlichen militärischen Effekt. Es ging darum, der Welt und dem eigenen Land zu zeigen, dass man bereit ist, das Militär einzusetzen. Gleichzeitig wollte man aber, so paradox das klingen mag, ganz offensichtlich so wenig wie möglich zerstören. Man hätte nämlich erheblich größeren Schaden anrichten können. Von Seiten der USA hatte man jedoch offensichtlich nicht vor, den Flughafen dauerhaft oder auch nur für ein paar Tage wirklich auszuschalten. Man hatte möglicherweise (hier fehlen mir schlicht noch alle nötigen Informationen über den genauen Wert der zerstörten Gebäude) noch nicht einmal die Absicht, die syrische Luftwaffe nennenswert zu schwächen. Es war, so wenig mir das persönlich gefallen mag, wohl nur ein großer Zirkus. Darauf deutet zumindest für mich alles hin.

Doch wieso? Erklären kann ich mir das nur, und hier geht es ins völlig Spekulative, mit Trumps Charakter. Würde man mich fragen, was ihn ausmacht, so würde ich sagen: „Die pompöse Show und die Überzeugung, alles hervorragend aushandeln zu können.“ Indem die syrische Luftwaffe möglicherweise nicht nennenswert geschwächt wurde, hat er ihre Fähigkeit den IS zu bekämpfen, wo er laut eigener Aussage in der Vergangenheit ja das Hauptverdienst der syrischen Streitkräfte sah, nicht verringert. Indem er Russland vorgewarnt hat, hat er einen unnötigen Konflikt mit Putin vermieten. Indem er angegriffen hat, hat er seine prinzipielle Bereitschaft zu Militärschlägen der Welt und den eigenen Kritikern gegenüber bewiesen. Damit hat er seine Verhandlungsposition gestärkt, ohne gleichzeitig zu viel Porzellan zu zerschlagen, was spätere Verhandlungen erleichtert. Gleichzeitig hat er sich der Welt gegenüber als starker Mann präsentiert. Das könnte zumindest die Logik dahinter gewesen sein.

Andere werfen Trump vor, er habe den Luftschlag nur durchgeführt, um von den innenpolitischen Problemen abzulenken, vor denen er steht. So ist seine Einreisebeschränkung gleich mehrfach von Gerichten kassiert worden und Obamacare wurde bislang nicht ersetzt.

 

Der Angriff war nicht ohne Kosten

Ob Trump allerdings die Spielregeln nach eigenem Gusto bestimmen darf, wird sich noch zeigen müssen. Tatsächlich hat Russland bereits drastisch reagiert. Es hat angekündigt, Syrien mit moderner Luftabwehr beliefern zu wollen, es hat den „heißen Draht“ zur Vermeidung von Konflikten im Luftraum über Syrien abgeschaltet und es droht im Falle weiterer Luftschläge mit militärischen Konsequenzen durch die russische Luftabwehr in Syrien. Von Syrien selbst darf nun nicht mehr erwartet werden, dass es seine Luftabwehr inaktiv lässt, wenn alliierte Kampfflugzeuge über seinem Territorium aktiv sind. Bislang sind die syrischen Kapazitäten noch beschränkt, aber auf Dauer kann dies dennoch nicht nur zu einzelnen Abschüssen führen, es würde auch die Kosten massiv erhöhen. Wenn alliierte Flugzeuge künftig Geleitschutz brauchen und Raketen gegen Luftabwehr mitführen müssen, verringert dies die Kapazität an Bomben, die die jeweiligen Flugzeuge gegen den Islamischen Staat zum Einsatz bringen können und erfordert daher mehr Einsätze oder mehr Flugzeuge. Beides würde die Kosten des Einsatzes merklich erhöhen. Ob es angesichts dieser Reaktionen nicht sinnvoller gewesen wäre, die angerichteten politischen Konsequenzen wenigstens durch einen stärkeren militärischen Nutzen, also einen tatsächlich wirklich effektiven Militärschlag, zu rechtfertigen, muss als berechtigte Frage gelten.

 

Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Informationslage aufgrund der zeitlichen Nähe beschränkt ist und der Artikel daher spekulativer Natur ist. Ich schließe es keineswegs aus, dass mir völlig widersprechende Tatsachen noch ans Licht kommen.

 

 

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Ein Gedanke zu „Trumps Militärschlag auf Syrien: Mehr Show als Effekt

  • Hallo Torsten,

    ich kann deiner Argumentation nicht so ganz folgen. Du sagst das dir schlicht noch alle nötigen Informationen fehlen, um den Kostenfaktor für Assad bzgl. der zerstörten Gebäude zu taxieren. Aber bezüglich des zerstörten militärtaktischen Inventar hast alle nötigen Informationen, um daraus konkrete Rückschlüsse abzuleiten?

    SLCM (Sea-Launched Cruise Missile): BGM-109A/…/F, RGM/UGM-109A/…/E/H „Tomahawk“:

    R/UGM-109E Tomahawk Block IV „TacTom“: Die Version „Tactical Tomahawk“ ab 2004, kann wahlweise mit einem Splitter- oder Penetrationsgefechtskopf sowie Bomblets bestückt werden. Der WDU-36/B Splittergefechtskopf mit 340kg TNT-äquivalent, ist explizit für den Einsatz gedacht, am Boden befindliche Flugzeuge zu zerstören. Zum vergleich, die Luftabwehrraketen des BUK-M1 u. M2 tragen einen Splittergefechtskopf mit 50kg TNT-äquivalent, was locker für ein Passagierflugzeug ausgereicht hat. 2009 kündigte Raytheon einen Umrüstsatz für die R/UGM-109E an, um sie zu einem Seezielflugkörper zu machen, im zuge dessen der Penetrationsgefechtskopf durch eine große Hohlladung ersetzt wird.

    R/UGM-109H Tomahawk Block V „TTPV“: Die Version „Tactical Tomahawk Penetrator“ mit konventionellen WDU-43/B Penetrations-Sprengkopf 450kg TNT-äquivalent, wird gegen Harte untergrundige und/oder verbunkerte Landziele eingesetzt.

    Donald Trump hat im Nachgang in einem Brief an die Vorsitzenden von Repräsentantenhaus und Senat, Paul Ryan und Orrin Hatch, die Gründe für den US-Angriff auf die Luftwaffenbasis Al-Schairat erklärt. US-Geheimdienstinformationen zufolge seien die auf dieser Luftwaffenbasis stationierten syrischen Truppen für den Chemiewaffenangriff gegen die Zivilbevölkerung der Kleinstadt Chan Scheichun am Dienstag verantwortlich gewesen. Er habe den Raketenangriff angeordnet, um die „Fähigkeit der syrischen Armee zu weiteren Chemiewaffenangriffen zu schwächen und das syrische Regime davon abzubringen, chemische Waffen einzusetzen oder zu verbreiten“.
    http://www.n-tv.de/politik/Trump-rechtfertigt-Luftangriff-auf-Syrien-article19786481.html

    Für den „Psychologischen Effekt“ welcher mit der militärischen Machtdemonstration erwirkt werden sollte, sind die monetären Auswirkungen ohnehin zweitrangig. Ausserdem sollte man bei einem Schuss vor dem Bug, eher kleckern statt klotzen, um sich ausreichend Potenzial nach oben hin, für weitere Eskalationsstufen offen zu halten.

    Die russische Luftwaffe ist vollkommen autark, ausschließlich auf dem Flughafen Basil al-Assad in Latakia beheimatet. Soweit ich weiß befindet sich das Kontrollzentrum der Luftraumüberwachung im Irak, in direkter nähe zum US Kontrollzentrum. Das Russland die Al-Nusra Front und ISIS o. FNPI bombardiert steht ausser Frage, das die syrische Luftwaffe den ISIS bombardiert sollte man zwingend in Frage stellen!

    Zu erst einmal sind die senior ISIS officials „Abu Muslim al-Turkmani“ and „Abu Ayman al-Iraqi“, beide ehemalige hohe Militärs des irakischen Baath-regime. Al-Turkmani war Oberstleutnantal von Saddam Husseins Spezialeinheiten Republikanische Garde (SRG), darunter die Märtyrer Leibgarde Saddam-Fedajin welche u.a. wegen dem „konventionellen Enthauptungsschlag zur Massenpsychologischen unterdrückung“ als Todesschwadron bekannt war und die Goldene Division des Palastschutzes. Al-Iraqi war Oberst der irakischen „Air Defense Intelligence“. ISIS mag vielleicht in der viralen Propaganda groß sein, in der Realität jedoch nur ein ganz kleines Licht im gegensatz zum „Nationalen, panarabischen und islamischen Widerstandes (FNPI)“, des ehemals wichtigsten militärischen Führungsmitglied im irakischen Baath-Regimes und seit 2007 neuen Chef der irakischen Baath-Partei „Izzat Ibrahim al-Douri“. Ausserdem war er auch ein sehr guter Freund von Hafiz al-Assad und der massivste Störfaktor für engere Beziehungen im irakischen und syrischen Baathismus, Saddam Hussein himself, existiert nicht mehr.
    https://en.wikipedia.org/wiki/Izzat_Ibrahim_al-Douri

    Ich sag dazu nur soviel. Obwohl die syrische Ölwirtschaft entweder in den Händen ehemaliger irakischen Baathisten oder zerstört ist, gehen weder beim syrischen Militär die Treibstoffe noch in Damaskus Heizöl und Benzin aus.

    mfg

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