Risikofaktor Ukrainische Nationalgarde

Im Zusammenhang mit dem Beginn der „Antiterroroperation“ der ukrainischen Streitkräfte gegen die Separatisten im Osten des Landes wurde auch bekannt gegeben, dass auch ein Bataillon der Nationalgarde zum Einsatz kommen werde. Das ist bezeichnend und zugleich eine fatale Entscheidung.

Einheitlich uniformierte pro-Russische Separatisten in Sloviansk mit AK-74M und RPG-26.

Einheitlich uniformierte pro-Russische Separatisten in Sloviansk mit AK-74M und RPG-26.

Völlig verfrühter Einsatz

Die erst am 13. März 2014 gegründete Nationalgarde soll bereits ein erste Bataillon in den Einsatz schicken, der höchstwahrscheinlich Kampfhandlungen beinhalten wird. Nach also kaum mehr als zwei Wochen Ausbildung sollen mehrere hundert Nationalgardisten bereits ins Gefecht geschickt werden.

Selbst bei militärischer Vorbildung der meisten Mitglieder, die Ukraine hatte bis vor Kurzem noch die Wehrpflicht, die allerdings auch nicht jeden einzog, können zwei Wochen kaum genug sein um sich mit einander vertraut zu machen und marschieren zu lernen. Eine kampffähige Truppe schafft man selbst bei Vorbildung binnen zwei Wochen nicht.

Bezeichnender Einsatzbefehl

Dass die Nationalgardisten, die in den letzten zwei Wochen kaum mehr als die Bedeutung der Befehle und das Zerlegen ihrer Waffen gelernt haben bereits in den Einsatz geschickt werden, lässt nur drei verschiedene Schlüsse zu.

Entweder will die Ukraine ihrer reguläre Armee nicht für die Niederschlagung der Aufstände verwenden, da sie ihre begrenzten Ressourcen zur Verteidigung des Kernlandes selbst gegen eine mögliche russische Invasion vorhalten will.

Die Alternative Interpretationsmöglichkeit ist, dass die Führung in Kiew ihrer Armee nicht ausreichend traut, um sie in den Kampf mit Separatisten zu schicken. Da die Nationalgarde aus Freiwilligen besteht die gerade erst rekrutiert wurden, ist klar dass sie bereit ist, gegen Russland und pro-russische Separatisten zu kämpfen. Berichte von Überläufern der Armee, die zwar angezweifelt werden, sprechen für diese Variante und werfen ein verheerendes Bild auf die Kampfkraft der ukrainischen Streitkräfte.

Schlussendlich, und das bleibt zu hoffen, soll die Nationalgarde ausschließlich zur Unterstützung der regulären Armee und der Spezialeinsatzkräfte verwendet werden. Also beispielsweise Wachdienste, Kontrollposten an Straßen, etc. In diesem Fall wäre die Entscheidung durchaus sinnvoll.

Gefährliche Entscheidung

Was auch immer der Grund für den Einsatzbefehl ist, es könnte sich als verheerend herausstellen. Zwar muss die Ukraine dringend die Kontrolle über ihr östliches Territorium wiederherstellen, dazu kann ihr jedoch nicht jedes Mittel recht sein.

Aktuell spricht für die Übergangsregierung, dass sie ganz offensichtlich unnötiges Blutvergießen vermeiden will. Ihr Präsident betont, dass man im Gegensatz zu den Russen eben auf Zivilisten Rücksicht nehmen würde. Dafür sprechen tatsächlich die weitestgehend unblutigen Vorgänge auf der Krim, trotz massiver Provokationen und Aggressionen seitens russischer Truppen und pro-russischer Milizen. Dafür spricht auch, dass sich die Einheiten der ukrainischen Streitkräfte mehrfach von unbewaffneten Zivilisten haben stoppen lassen, da sie offensichtlich zurecht zögern, Gewalt gegen ihre eigenen Landsleute anzuwenden.

Der Einsatz der Nationalgarde könnte unter diesen Voraussetzungen jedoch ein großer Fehler sein. Gerade der Vorteil dieser Truppe, ihr Furor und die patriotische Begeisterung, mögen die Truppe loyal machen, sie macht sie aber auch gefährlich. Nach nur zwei Wochen Ausbildung ist es absurd zu glauben, eine hohe Disziplin sei bei dieser Truppe selbstverständlich. Gerade in die Nationalgarde eingetretene Mitglieder des „Rechten Sektors“ sind, so lassen es Medienberichte erahnen, klare Nationalchauvinisten. Wie diese Männer auf russischsprachige Zivilisten reagieren werden, die ihnen den Weg versperren und die Nationalgarde an der Wiederherstellung der Kontrolle der Zentralregierung hindern, ist unabsehbar. Es scheint durchaus möglich, dass in solchen Fällen das Feuer eröffnet wird. Erste Separatisten wurden auch schon in der Nacht vom 16. auf den 17. April 2014 durch Nationalgardisten erschossen, als sie eine eine ukrainische Militärbasis stürmen wollten. Ob tödliche Schüsse hier angemessen waren oder bereits ein Hinweis auf eine deutlich höhere Tötungsbereitschaft sind, ist aus der Ferne allerdings nicht abschätzbar.

Kämpfe der Nationalgarde gegen Separatisten bergen große Risiken.

Doch auch wenn die Nationalgarde gegenüber unbewaffneten Zivilsten diszipliniert bleibt, wird ihr Einsatz gegen die Separatisten zum Vabanquespiel. Zumindest teilweise sind militärisch ausgebildete Paramilitärs im Einsatz, wie ihre Rundumsicherung in dem verlinkten Video zeigt. Auch tragen diese Paramilitärs einheitliche Uniformen und Bewaffnung (AK-74M), was auf eine organisierte Unterstützung und Ausrüstung hindeutet.

Sollten kaum ausgebildete Nationalgardisten voll nationalistische Begeisterung gegen, zumindest teilweise, offensichtlich militärisch ausgebildete Separatisten mit guter Bewaffnung vorgehen, dürfte die Nationalgarde hohe Verluste erwarten. Die Folgen hoher Verluste dürften allesamt kaum tragbar für die Regierung in Kiew sein.

Wenn die Angriffe der Nationalgarde zurückgeschlagen werden, wird es eine Brüskierung der Zentralregierung sein. Wenn die Regierung nicht in der Lage ist ihr eigenes Territorium zu verteidigen, welchen Anspruch kann sie dann noch darauf erheben?

Erleiden die Nationalgardisten hohe Verluste und erreichen dennoch ihr Ziel, so sind Racheakte gegen unbewaffnete pro-russische Besetzer und gefangene Separatisten durchaus möglich, könnten die ideologisch motivierten Kämpfer für ein einiges Vaterland doch den Wunsch verspüren die Separatisten zu bestrafen und gefallene Kameraden zu rächen.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Ukraine ihre neuen Nationalgardisten ausschließlich für Hilfsdienste ohne das Risiko eines Kampfeinsatzes verwendet. Ansonsten wäre gerade der oben geschilderte Ausgang ein willkommener Anlass für Russland eine Intervention zu rechtfertigen. Dies muss die ukrainische Regierung jedoch zwingend vermeiden!

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