Putin komplettiert Assads Meisterwerk

Die russischen Luftstreitkräfte sind nun offiziell zu Luftangriffen übergegangen. Damit wird Russland Kriegspartei in Syrien. Was bei Angriffen auf den Islamischen Staat zu begrüßen sein könnte, ist tatsächlich jedoch eine Katastrophe für Syrien und komplettiert Assads Meisterwerk.

 

Assad wollte eine möglichst radikale Opposition

In „Assads Meisterwerk“ habe ich beschrieben, wie Assad die Opposition gezielt radikalisierte. Extremisten wurden per Amnestie lange nach Beginn des Aufstands gegen ihn aus Gefängnissen entlassen.  Sobald klar war, dass er es mit einen waschechten Aufstand zu tun hatte den er nicht binnen weniger Tage würde erstücken können, traf seine Regierung eine folgenschwere, aber nicht minder geniale Entscheidung. 

Während um ihn herum die Diktaturen im „Arabischen Frühling“ fielen und ein Volksaufstand auch in Syrien seine Legitimität aufhob oder zumindest untergrub, würde seine einzige Chance sie wiederherzustellen darin bestehen, wenn sein Regime als Bollwerk gegen den Islamismus benötigt würde.

Von der ersten Stunde an, bezeichnete er die Demonstranten und späteren Widerstandskämpfer als Islamisten, als Terroristen. Während sich natürlich auch Islamisten unter seinen Gegnern befanden, waren wesentliche Teile doch säkular. Dies zeigte sich nicht zuletzt in den Forderungen nach der Liberalisierung des Landes.

An sich auch völlig nachvollziehbar. Während ihn seine Fans hierzulande als Bollwerk gegen den Islamismus beschreiben (was er nicht war) und betonen, unter ihm hätten die verschiedenen Religionen weitgehend friedlich zusammen gelebt (was stimmen dürfte), ignorieren sie jedoch eine völlig logische Schlussfolgerung: Dass nämlich unter den einen säkularen Staat schätzenden Syrern auch nicht wenige gewesen sein dürften, die nicht ständig von der Geheimpolizei abgehört werden wollten, die nicht selbst in den eigenen vier Wänden Angst haben wollten Assads Namen auszusprechen und die auch keine Angst mehr vor Folter und „verschwinden lassen“ haben wollten. Alles Ängste, die eine säkulare sunnitische Syrerin mir vor zwei Jahren schilderte. Kurzum: Dass viele Syrer die Vorteile eines säkularen Staates (arabischer Prägung) gerne mit den Freiheiten eines freiheitlichen Staates verbunden gesehen hätten.

Indem nun aber Assad zahlreiche radikale Islamisten nach Beginn des Aufstands entließ, während politische Häftlinge weiterhin in Haft blieben, schuf er die personelle Basis einer radikalisierten Opposition gegen ihn. Zwischen 40 und 50 der späteren Führungskader des Islamischen Staates und der al-Nusra Front saßen wohl zum Zeitpunkt des Beginns des syrischen Bürgerkriegs in syrischen Gefängnissen, um von der Regierung befreit zu werden.

Wie man sieht, funktionierte der Plan. Heute noch Unterstützung für Rebellen gegen Assad in Europa zu propagieren bedeutet für die meisten Zuseher, militärische Hilfe für den Islamischen Staat oder die al-Nusra Front zu fordern. Die Opposition ist inzwischen weitgehend diskreditiert, auch wenn sie nach wie vor säkulare und „moderate“ Teile beinhaltet.

 

Putin komplettiert das Meisterwerk

Putins Eingreifen komplettiert das Meisterwerk nun. Unter dem Vorwand gegen den Islamischen Staat zu kämpfen, fliegt die russische Luftwaffe Angriffe auf Rebellen. Zum jetzigen Zeitpunkt allerdings ausschließlich auf Rebellen, die Assad, aber auch den Islamischen Staat bekämpfen. Wie schon zuvor Erdogan, so hat auch Putin verstanden, dass die Erklärung gegen den Islamischen Staat zu kämpfen eine Gegnerschaft gegen das militärische Vorgehen erschwert, selbst wenn am Ende fast ausschließlich Gegner des Islamischen Staates bombardiert werden. In der Türkei machte dies Erdogan so mit der PKK, die er nun seit Wochen bombardieren lässt, nachdem seine Luftwaffe stolze drei Angriffe auf IS-Stellungen flog. Putin ahmt dies nach, auch wenn bislang nicht ein Angriff auf IS-Truppen geflogen wurde.

Positionen der bisherigen russischen Luftangriffe

Positionen der bisherigen russischen Luftangriffe

Die Logik dahinter ist bestechend. Indem er unter dem Vorwand den IS zu bekämpfen die nicht-IS-Opposition bombardiert, schwächt er diese. Das erleichtert einerseits Offensiven der Regierungstruppen und stärkt gleichzeitig den IS selbst. Seine Regierung erklärt dabei ganz dreist, die Angriffe auf nicht-IS-Rebellen seien Angriffe auf den IS. Die Opposition um FSA (aber auch al-Nusra) wird damit nicht nur bombardiert, sie wird auch noch als Teil des IS diffamiert.

Auf Dauer droht daher ein Ausgang: Wenn die „anderen Rebellen“, also FSA, Islamische Front, al-Nusra, etc. von der Assad-Regierung und den Russen bombardiert werden, während gleichzeitig eine Bodenoffensive gegen sie gestartet wird, können sie mittelfristig entweder von der Assad-Regierung und dem IS zerquetscht werden. Sollten aber ihre Lage dabei zunehmend aussichtslos werden, wird ein Teil den Kampf aufgeben und außer Landes gehen (und als Flüchtlinge teilweise radikalisiert bei uns landen), während der restliche Teil sich die Frage stellen wird, ob im Kampf gegen den IS und die Assad-Truppen zu sterben besser ist, als weiter gegen Assad zu kämpfen. Entscheiden sie sich für das Zweite, dann werden sie sich dem IS anschließen, weil er für viele Sunniten trotz seiner Gräuel die bessere Alternative in der Wahl zwischen den Optionen: Sterben, Assad und dem IS ist.

Zivile Opfer in Syrien, nach Verursachen sortiert.

Zivile Opfer in Syrien, nach Verursachen sortiert.

Am Ende könnte die nicht-IS-Opposition so weit marginalisiert werden, dass auch dem Westen nur noch die Wahl zwischen Assad und dem IS bleibt, womit der größte Terrorist des syrischen Bürgerkrieges, der Diktator Assad, dann gewinnen dürfte. Ob dies allerdings gelingen wird, ist gleichfalls fraglich. Saudi-Arabiens Geldbeutel sind praktisch unbegrenzt und das Land wird eine iranische Einkreisung (Jemen, Irak, Syrien, Libanon) niemals akzeptieren können.

Dies ist die Bedeutung des russischen Eingreifens in Bezug auf den IS, die Bedeutung für die Region und die US-Koalition folgt in Kürze in einem weiteren Artikel.

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2 Gedanken zu „Putin komplettiert Assads Meisterwerk

  • Hallo.

    Mitlerweile hat sich bei den Oppositionellen Rebellen ein bisschen was getan. Diese haben sich am 11.10.2015 zu den „Demokratische Kräfte Syriens“ zusammen geschlossen, inklusive Gründungsmanifest mit allen beteiligten Gruppen und Pressekonferenz die auch auf Youtube zu finden ist. Daran beteiligt sind FSA (exklusive Kämpfer die mit dem IS symphatisiert haben), YPG/YPJ, Assyrischer Militärrat und die Turmenischen Rebllen. Bewusst Ausgeschlossen wurden PYD/PKK, Al-Nusra bzw. alle anderen Sunnitischen Milizen und natürlich der IS. Die PYD/PKK wurde vor allem deswegen von dem Bündnis ausgeschlossen, weil es in Städten die von der PKK alleine vom IS zurück erobert wurden, also nicht als Unterstützer der YPG/YPJ und/oder Peschmerga, zu deportationen von Sunnitsichen Muslimen in das Türkische Exil gekommen ist.

    Mitlerweile scheint es wohl als sicher, das der IS vor allem dem Assad Regime Öl verkauft hat, im Gegenzug hat die Assad Regierung weiterhin IS Gebiete am Stromnetz gelassen. Speziell die Öl Raffenerien nähe Damaskus, sollen von Syrischen Truppen und dem IS zusammen bewacht werden.

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