Konflikt zwischen zwei Reichen: Großbritannien und das Deutsche Reich auf Konfrontationskurs

Das Deutsche Kaiserreich und das britische Empire stießen im Ersten Weltkrieg als Feinde aufeinander, soviel ist bekannt. Grund hierfür wird gerne das deutsche Flottenrüsten genannt, wer sich ein wenig detaillierter auskennt hört, dass das Empire die Garantiemacht für Belgien war und damit in den Krieg gezogen wurde. Was weniger bekannt ist, ist dass beide Staaten nicht viele Jahre zuvor über ein mögliches Bündnis gesprochen haben.

 

Großbritannien suchte einen Bündnispartner

Robert K. Massies „Dreadnought“ habe ich mir vor Jahren gekauft, weil ich darin ein Buch über Schlachtschiffe erwartet hatte. Angesichts der Bewertungen und des Autors, ein Gewinner des Pulitzerpreises, hielt ich eine genauere Beschäftigung mit dem Buch für nicht nötig.

Statt eines Buches über Schiffe stellte es sich als gewaltiger Schinken heraus, der sich mit der politischen Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs befasst.

Teil dieser Erzählung ist auch die Episode, als Großbritannien in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts einen Bündnispartner suchte. Angesichts der zunehmenden Verlagerung der Macht in der Welt sah das Britische Empire die Notwendigkeit, von der „splendid isolation“ weg zu einem Bündnis mit einer anderen Macht zu kommen. Einer dieser potentiellen Bündnispartner war Deutschland, dessen frühere Bündnisanfragen um die Jahrhundertwende zuvor noch abgelehnt wurden.

Zwischen dem Kaiserreich und dem Empire gab es enge familiäre Beziehungen. Beide Herrscherhäuser waren miteinander verwandt und das Kaiserreich hatte sich in Bismarcks Zeit als saturierte Macht geriert. Damit würde ein Bündnis mit dem Kaiserreich möglicherweise nicht zu der Dominanz einer einzelnen Macht in Europa führen, die Großbritannien immer zu vermeiden versucht hatte. Deutschland war also ein für das Empire möglicher, ja fast logischer Partner.

Während das Bündnis mit Japan eher eine Randnotiz war und für beide mehr eine Garantie der Neutralität im Falle eines Krieges bedeutete, standen nur noch vier andere potente Mächte auf dem Plan, mit denen sich ein Bündnis auf Augenhöhe gelohnt hätte.

 

Deutschland schien natürlicher Bündnispartner

Die USA wäre eine solche Macht gewesen, fiel allerdings durch die Isolation des Landes weg. Auf beiden Seiten gab es zu keinem Zeitpunkt ernst gemeinte Bündnispläne.

Russland wäre ein anderer möglicher Bündnispartner gewesen. Allerdings stand Russland spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts in einem Konflikt mit Japan, vor allem um die Mandschurei und um Korea. Dazu stießen das russische Zarenreich und das Empire auch im „Great Game“ die Köpfe gegeneinander, also im Kampf um die Herrschaft und um den Einfluss in Zentralasien. Dazu war Russland wohl Europas rückständigster Staat, was den progressiven Briten ebenfalls nicht behagte. Somit fiel auch Russland weg.

Frankreich war ein anderer möglicher Partner. Doch auch hier gab es gewaltige Konflikte. In der Faschoda-Krise war noch 1898 ein Krieg zwischen beiden Staaten nicht ausgeschlossen. Frankreich hatte sich nach seiner Niederlage gegen Deutschland im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 auf den Erwerb von Kolonien konzentriert um an Macht zu gewinnen. Dabei war es unvermeidbar mit der anderen großen Kolonialmacht seiner Zeit, mit dem britischen Empire zusammengestoßen. Dazu teilten beide Seiten eine lange Geschichte von Kriegen zwischen sich. Fast immer hatte die eine Nation sich praktisch automatisch an die Seite der aktuellen Feinde des Nachbarn jenseits des Ärmelkanals gestellt. Zwischen Frankreich und Großbritannien herrschte somit seit Jahrhunderten Rivalität, die immer wieder auch zu Kriegen führte, selbst wenn es unlogisch erschien. So waren es die französischen Truppen des Ancien Regime, also des absolutistischen Frankreichs, die den amerikanischen Revolutionären gegen die weitaus progressiveren Briten zur Hilfe kam.

Damit blieb eigentlich nur noch Deutschland. Deutschland hatte sich zwar noch ein paar kleine Kolonien gesichert, großartige Konflikte standen wegen der völlig unterschiedlichen Ausrichtung beider Reiche eigentlich nicht an. Das Kaiserreich war vor allen Dingen eine Kontinentalmacht. Entsprechend hatte es weder den Willen, noch die Fähigkeit in einem kolonialen Wettlauf mit dem Britischen Empire auf Augenhöhe zu konkurrieren.

 

Eine Allianz zum Nachteil Deutschlands

Das Problem war nur, dass eine solche Allianz dem Anschein nach Deutschland nichts genutzt hätte. Deutschland war, wie gesagt, eine Kontinentalmacht. Ein Bündnis schloss man im Besonderen auch zu dieser Zeit nicht nur um die Stabilität zu erhalten und die Beziehungen zu verbessern, sondern auch um eine echte Hilfe in einem militärischen Konflikt zu erhalten. Doch gegen wen sollte das Britische Empire Deutschland überhaupt helfen?

Deutschlands Erzfeind war Frankreich. Die französische Armee unter Napoleon III. war im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 vernichtend geschlagen worden. Dabei musste die „Grande Nation“ nicht nur Elsass-Lothringen an Deutschland abtreten, es musste auch die Demütigung erdulden, dass die Ausrufung des Kaiserreichs gerade in seinem alten Königspalast in Versailles erfolgte.

Auch wenn zwischen beiden Nationen durchaus nicht nur offene Feindschaft herrschte, so war doch Frankreich der wahrscheinlichste Kriegsgegner, da dort der Wunsch nach einer Revanche nicht nur theoretisch herrschte. Der einzige andere mögliche Kriegsgegner war Russland, das nicht nur seit 1894 in einer Allianz mit Frankreich verbunden war und Deutschland daher einen Zweifrontenkrieg aufzwingen würde. Russland wurde im Westen und Südwesten auch durch Deutschland und Österreich-Ungarn an einer weiteren Expansion hin zu ganzjährig eisfreien Häfen eingeschränkt, während Österreich-Ungarn den Zerfall seines Vielvölkerstaats durch eine Expansion auf dem Balkan aufzuhalten versuchte. Der war allerdings von Slawen besiedelt, als deren Schutzmacht sich Russland verstand. Entsprechend war auch Russland ein sehr wahrscheinlicher Kriegsgegner.

Österreich-Ungarn selbst war dank des Verzichts Preußens auf Annexionen nach dem Sieg über das Land 1866 inzwischen zu einem Verbündeten des Deutschen Reichs geworden. Somit lag Deutschland zwischen zwei eher feindlich gesinnten Großmächten, mit denen es Grenzen teilte.

Hier wird das Dilemma offensichtlich. Deutschland hätte im Kriegsfall eine Entscheidung auf den Schlachtfeldern im Osten und Westen seines Landes erreichen müssen. Wie aber sollte da Großbritannien von Nutzen sein? Die britische Armee war seinerzeit so klein, dass Bismarck einmal sagte: „Wenn die britische Armee an der Nordseeküste landet schicke ich die Polizei um sie zu verhaften.“

Deutschland würde in einem Konflikt mit beiden Mächten also nicht auf nennenswerte Hilfe in Form von Truppen zählen können, sondern vor allem auf die britische Royal Navy. Doch wie sollte die von einer entscheidenden Bedeutung sein, wenn man einen wenige Wochen dauernden Krieg erwartete, der auf dem Land entschieden wurde?

Was würde eine britische Blockade Frankreichs helfen, wenn die Deutsche Armee von den Franzosen geschlagen würde? Gleichfalls würde ein Sieg über die französischen Truppen einen Krieg mit dem westlichen Nachbarn entscheiden – und nur ein solcher Sieg. Im Osten war es nicht anders.

Hier kam es dazu, dass Deutschland sich folglich als „Englands Festlanddegen“ zu sehen begann. Im Falle eines Krieges hätte Deutschland auf kaum effektive Hilfe der Briten hoffen können, während gleichzeitig Deutschland für die Briten Landschlachten hätte ausfechten müssen.

Ein Bündnis zwischen beiden Ländern hätte im Falle eines Krieges von Großbritannien mit Frankreich oder Russland dazu geführt, dass Deutschland sich bei einem Streit um irgendeine Wüste in Asien oder Afrika plötzlich mit einer der benachbarten Großmächte im Krieg befunden hätte. Wie aber sollte man es rechtfertigen, dass deutsche Soldaten sterben würden, damit Großbritannien ein Territorium am anderen Ende der Welt behalten oder annektieren können würde?

Deutschland würde in solch einem Bündnis wie ein Degen auf die beiden anderen Mächte zeigen und bei britischem Bedarf dagegen geschwungen werden. Hier ließ sich beim besten Willen kein unbedingtes Bündnis schließen, wenn die deutsche Seite verantwortungsvoll handelte.

 

Die Flottenrüstung führt zum Konflikt

Hochseeflotte

Das Erste und Zweite Geschwader der deutschen Hochseeflotte in Kiel

Großbritannien konnte so also nicht zum Verbündeten gemacht werden, was jedoch das britische Interesse an einer Einigung mit einer Großmacht auf dem Festland beendete. Dieser Wunsch führte schließlich zur Entente cordiale 1904. Dies war per se noch kein Bündnis, aber doch eine Beseitigung der gegenseitigen Animositäten, was dann 1907 zu einem Bündnis führen sollte.

Deutschland war zum gleichen Zeitpunkt aber von seinem Außenhandel abhängig, sah sich als wichtige Großmacht mit einem Anspruch an internationalem Prestige und wollte sowohl seine Kolonien, als auch seinen Handel schützen.

Bislang hatte Großbritannien als Polizist zur See agiert, doch mit einem nicht sicher neutralen oder freundlich gesinnten Empire blieb kaum eine andere Wahl, als selbst eine Flotte aufzubauen. Diese wurde dazu auch vom Kaiser und Lobbygruppen innerhalb des Reiches gewünscht, da seinerzeit eine Flotte als wichtiges Statussymbol galt und zudem Alfred Thayer Mahans The Influence of Sea Power Upon History die Wichtigkeit von Seemacht betonte. Das enorm einflussreiche Buch wurde nicht nur von Wilhelm II. verschlungen, es beeinflusste eine ganze Generation von Politikern weltweit. Deutschland wollte also eine Marine bauen und es sah den Grund eine haben zu müssen.

Problematisch wurde dies allerdings, weil Großbritannien die vorherrschende Seemacht seiner Zeit war. Wenn eine wirtschaftlich so starke Nation wie Deutschland in den Flottenbau einstieg musste dies zu irgendeinem Zeitpunkt eine Bedorhung der britischen Seemacht bedeuten. Dies erforderte wiederum eigene Rüstungsanstrengungen durch das Britische Empire. Dass ein Rüstungswettlauf die Beziehungen nicht befördert war dabei nur verständlich.

Deutschland sah also den Bedarf an einer starken Flotte. Großbritannien sah die zwingende Notwendigkeit überlegener zu bleiben. Die einzig mögliche Lösung wäre hier ein Flottenabkommen gewesen.

Dem standen jedoch zwei Dinge entgegen, wie Robert K. Massie anschaulich darlegt. So war es für Wilhelm II. schlicht inakzeptabel, dass sich Deutschland auf einen Deal einließe. Es war mit seinem Verständnis des nationalen Prestiges nicht vereinbar, dass man sich von den englischen Verwandten diktieren lasse, wie viele Schiffe man bauen wolle und dürfe.

Hätte das noch nicht gereicht, war eine Neutralität Großbritanniens im Kriegsfall ja nicht garantiert. Das britische Verhältnis zu Frankreich ließ es zwar nicht zwingend in einen militärischen Konflikt auf der Seite Frankreichs beitreten, aber eine Garantie der Neutralität konnte und würde man nicht geben können.

Überhaupt, wer würde darauf vertrauen wollen, dass die Briten den deutschen Welthandel auch im Kriegsfall mit Frankreich nicht behindern würde? Wer würde das Schicksal seiner Nation darauf verwetten, dass das Empire neutral bliebe?

Diese Mischung machte den Bau einer Flotte fast zwingend notwendig, in der Logik der Zeit. Da man dabei aber auch lange Zeit vertrauensbildende Maßnahmen wie Besuche von Werften durch die Militärattachés in Deutschland verweigerte, trat auf britischer Seite zusätzlich die Angst auf, Deutschland könnte praktisch auf „Vorrat“ Schlachtschiffe bauen, ohne das Großbritannien es merke.

So ist das Aufwendigste und für die Geschwindigkeit des Schlachtschiffbaus entscheidende Element weniger das Kiellegen des Schiffes selbst, als die Fertigung der Panzerplatten und Geschütze. Deutschland könnte also, so die britische Befürchtung, eine große Anzahl an diesen so wichtigen Bauteilen weit im Landesinneren bauen und einlagern, um sie dann binnen weniger Jahre zu einer der Royal Navy überlegenen Flotte zusammenzusetzen.

Wozu dieses Mißtrauen, dieses Prestigedenken und die damit verbundenen Aktionen geführt haben, ist bekannt. Vermeidbar wäre ein Konflikt mit Großbritannien sicher gewesen und die Unsummen für die Flotte wären in der Armee sicher besser aufgehoben gewesen. Das Verständnis der handelnden Akteure führte jedoch zu dem bekannten Ergebnis.

Millionen Tote und der zwanzigjährige Waffenstillstand bis zum Krieg Hitlers würden folgen.

 

Dies und mehr in Robert K. Massies wirklich herausragendem Buch „Dreadnought“, das Sie hier kaufen können:

Hier können Sie mehr von mir lesen:

Hinweis zu dem Text:
Das hier ist kein wissenschaftlicher Artikel, wie die Abwesenheit von Quellenbelegen bereits andeutet. Es ist eine Zusammenfassung von Inhalten des oben genannten Buches, verbunden mit eigenen Schlussfolgerungen.

Scan to Donate Bitcoin
Like this? Donate Bitcoin to at:
Bitcoin 1D2BxgGcNPMCKu1rrjF9Kqa4Na8pzgogGv
Donate

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.