Israels „Entschuldigung“ im Kontext

Die internationalen Medien berichten, dass Bibi Netanjahu auf Anregung des POTUS Obama den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan angerufen habe. Dabei habe sich Netanjahu für Israels „Angriff auf die Marvia Marmara“ entschuldigt.

Entschuldigung oder „Bedauern von Fehlern“?

Noch ist es unklar, wie das Ganze von statten ging. In einigen Veröffentlichungen wird betont, Bibi habe sich eben nicht entschuldigt, sondern nur israelische „Fehler“ bedauert. Da selbst die notorisch israelfeindliche UNO dem Staat am Mittelmeer die Rechtmäßigkeit seiner Aktion gegen die „Flottille“ bestätigt hat, wäre eine Entschuldigung somit an sich auch unnötig. Fehler wurden aber definitiv gemacht, vor allem auch gegenüber den eigenen Soldaten. Insofern wäre ein Bedauern von Fehlern vom Inhalt her ein sehr schlauer Schachzug. Theoretisch könnte man damit ja alles meinen, auch dass es ein Fehler gewesen sei, das Schiff nicht einfach mit Mann und Maus zu versenken. Entsprechend wäre ein Eingeständnis von nicht näher präzisierten Fehlern ein richtiger Weg um ohne Gesichtsverlust im Inneren die Wogen zu glätten. Dagegen spricht allerdings, dass laut Medienberichten auch Kompensationen gezahlt werden sollen. Israel würde also wohl Geld an die Verwandten der Toten bezahlen.

 

Blutgeld für tote Dschiadisten?

Nur um es zurück ins Gedächtnis zu rufen: Diese Männer waren getötet worden, nachdem sie widerrechtlich eine legitime Blockade durchbrechen wollten. Dabei waren israelische Soldaten mit Paintball-„Markierern“ auf das Schiff abgeseilt worden, aber umgehend von Männern mit Latten und Messern attackiert worden. Es liegen zahlreiche Bildblege vor, die blutige Messer in den Händen der „Protestierer“ zeigen. Diese hatten zudem beim Auslaufen in der Türkei Lieder angestimmt, die ihr bald zu erwartendes Martyrium ankündigten. Nach normalen Maßstäben waren es also Dschihadisten!

Entsprechend wird Israel nun wohl an die Verwandten von Dschihadis Blutgeld bezahlen…

 

Erdogan kann Sieg feiern!

Für den türkischen „Führer“ ist es einmal mehr ein Sieg auf der ganzen Linie. Die von seiner Regierung hofierten Dschihadisten sind in feindlicher Absicht in die Hoheitsgebiete eines – damals – befreundeten Landes eingedrungen. Als das damals noch befreundete Israel entsprechend reagierte sah der neue Sultan rot. In zahlreichen Veröffentlichungen kündigte er an, die nächste Flottille würde Geleitschutz durch die türkische Marine erhalten, er würde gar selbst auf einem der Schiffe sein.

In der Zwischenzeit hat er nicht nur die Beziehungen zu Israel abbrechen lassen, er unterstützte auch die Terrororganisation Hamas verbal und verurteilte angebliche Kriegsverbrechen Israels im Gazastreifen. Dass die letzten Militäraktionen alle nach wochen- und monatelangem Beschuss israelischer Städte erfolgten war dabei für ihn irrelevant. Von einer Verurteilung des Angriffs auf Zivilisten war natürlich nichts zu hören.

Inzwischen bewaffnet und trainiert die türkische Regierung radikalislamische Gruppen im Kampf gegen Syrien, schafft sich, möglicherweise unter False Flag Einsätzen, ein Mandat des Parlaments für einen Krieg in Syrien. Immer wieder versucht Erdogan sich als islamischer Führer zu gerieren.

Entsprechend ist davon auszugehen, dass diese „Entschuldigung“ leidlich ausgenutzt werden wird. Man muss nur auf die Onlineausgaben deutscher Zeitungen oder deren Facebook-Auftritte schauen. Zahlreiche Nutzer mit arabischen oder türkischen Namen feiern den „Sieg“ des türkischen Ministerpräsidenten. Besonders fiel mir ein Kommentar auf, bei dem ein Murad M. folgendes schrieb: „Zum ersten Mal hat ein islamischer Staat es geschafft, Israel zu einer Entschuldigung für seine Massaker zu zwingen.“

Die Annahme der Entschuldigung wird also einen enormen Prestigegewinn für die Türkei bedeuten, die ihren Standpunkt in der islamischen Welt weiter stärkt.

 

Die Beziehungen werden – vorerst – normalisiert

All das ist Realpolitik. Bibi Netanjahu ist mindestens so schlau wie ich. Er weiß genau, was er hier tut. Er weiß auch, dass semantische Feinheiten irrelevant sind. Auch Obama hat sich bei seiner Rede in Kairo wohl nicht wortwörtlich für die USA entschuldigt. Dennoch änderte es nichts daran, dass es in der islamischen Welt, zu Hause in den USA und weltweit genau so aufgefasst wurde. Entsprechend dürfte der israelischen Regierung absolut klar sein, was sie mit diesem Telefonat angerichtet hat. Gleichfalls dürfte klar sein, dass es ein Zurück nicht mehr gibt. Eine stabile Partnerschaft mit der Türkei wird wohl definitiv Geschichte sein. Wie könnte man von einer islamistischen Regierung mit Beziehungen zur Hamas auch eine langfristige Partnerschaft erwarten?

Eine Normalisierung der Beziehungen zur Türkei konnte erreicht werden, dafür hat aber einer der profiliertesten Gegner des Landes, wer die Hamas hofiert ist das, massiv an Prestige gewonnen.

Israel ist ein zivilisiertes Land, für das Dinge wie nationale Ehre irrelevant sind. Während die Türkei diesen Begriff noch hoch hält und die Beschmutzung der Ehre sogar ein schwerer Strafbestand ist, kann es Israel eigentlich erst einmal egal sein, ob die Türken jetzt einen Sieg feiern. Schlimmer wird es nur, wenn als Folge daraus die Türkei ihren Einfluss in der islamischen Welt ausweiten kann, ohne dass Israel einen Nutzen davon hat.

 

Was hat Israel davon?

Aktuell dürfte der Nutzen für Israel vorrangig bei den USA liegen. Immer wieder wird betont, dass das Gespräch auf Obamas Vermittlung hin zustande kam. Indem Bibi hier also nachgab, konnte er den US-Präsidenten zufrieden stellen. Dies dürfte von großer Wichtigkeit für Israel sein, wird der so wichtige Verbündete Israels doch von einem Präsidenten regiert, der der am wenigsten israelfreundliche in der Geschichte ist.

Sich das Wohlwollen der USA zu erkaufen, auch auf Kosten einer Stärkung der Türkei, kann in naher Zukunft essentiell für Israel sein. Der israelfeindliche ägyptische Präsident Mursi erhielt jüngst neue Waffenlieferungen an hochmodernen F-16 Kampfflugzeugen und hat wohl neue M1 Kampfpanzer bestellt. Beides ist an sich unnötig, ist Ägypten doch die mit Abstand stärkste Militärmacht in Afrika. Die Beziehungen zu Saudi-Arabien jenseits des roten Meeres sind hinlänglich gut genug, so dass auch gegen die Saudis ein Aufrüsten unnötig ist. Entsprechend kann der Erwerb neuer Kampfpanzer und Kampfflugzeuge nur gegen Israel gerichtet sein.

Indem Israel nun auf die USA zugeht kann das Land möglicherweise künftige Verkäufe beeinflussen. Vielleicht wird es im Gegenzug ebenfalls neue Flugzeuge erhalten, vielleicht mehr Finanzhilfen. Indem der dezidiert türkeifreundliche US-Präsident jedoch Israel mit seinem Lieblingspartner in der Region an einen Tisch brachte, kann Israel möglicherweise auch auf ein größeres Verständnis gegenüber seiner Iran-Politik hoffen. Dort wird es nämlich langsam allerhöchste Zeit für einen israelischen Militärschlag, will das Land noch selbst das Heft des Handelns in der Hand haben.
Verzichtet man seitens Israels allerdings auf einen Angriff auf die iranischen Atomanlagen, so muss sich Israel vertrauensvoll den USA unterwerfen. Nur die USA können dann noch eine iranische Atombombe verhindern. Auch hierbei dürfte Bibis Zugeständnis von Nutzen sein.

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