Es gibt keine Gewissheiten in Krieg und Politik

Nachdem es zunächst schien als ob die russischen Truppen sich  langsam von der ukrainischen Grenze zurückzögen, eskaliert die Lage in der Ukraine nun recht dramatisch. Doch auch wenn die Ukraine wohl keine militärische Hilfe von außen erhalten wird, heißt das noch lange nicht, dass ein Krieg mit Russland völlig unmöglich ist. Gerade Gewissheiten bergen große Risiken.

Ukrainische Luftlandetruppen.

Ukrainische Fallschirmjäger.
(Photo by U.S. Army Staff Sgt. Brooks Fletcher, U.S. Army Europe Public Affairs)

Josh Billings hat den Spruch hinterlassen, „Probleme bereitet einem nicht was man nicht weiß, sondern das, was man sicher weiß ohne dass es stimmt.“. Dieser schlaue Spruch sollte uns allen gerade in der Bewertung geopolitischer Zusammenhänge nie aus dem Kopf verschwinden. Nach über 20 Jahren Ende des Kalten Krieges und einem zusammengebrochenen Ostblock scheint ein Krieg gegen Russland jenseits aller Vorstellungskraft. „Natürlich ist ein Krieg gegen Russland undenkbar“ ist das Credo, nach dem sich Europa und die NATO auch in der Gestaltung ihrer Außen- und Sicherheitspolitik orientieren. „Russland weiß genau, wie weit es gehen darf.“ ist eine andere gängige Aussage. Mit Ausnahme Polens rüsten die westlichen Staaten ab, da eine konventionelle Konfrontation mit einer Großmacht undenkbar scheint.

Russland ist eine regionale Großmacht

Im Westen hat man sich daran gewöhnt, seine Kriege wählen zu können. Auch wenn politische Zwänge einen Krieg in Afghanistan 2001 notwendig machten, Osama bin Laden nach dem 9/11 davonkommen zu lassen war undenkbar, so waren doch praktisch alle Kriege seit dem Ende des Kalten Krieges eine pure Willensentscheidung des Westens. Ob eine Intervention im Kosovo, eine Befreiung des Iraks 2003, eine Befreiung Kuwaits 1991 oder eine Intervention in Libyen 2011 – immer entschied der Westen sich zu einer Intervention, während er 2013 eine in Syrien aus eigenem Antrieb ablehnte. Das Heft des Handelns lag also immer auf Seiten der Allierten aus NATO und verbündeten Staaten. Eine unmittelbare militärische Bedrohung des Westens bestand zu keinem Zeitpunkt. Weder hatte sich ein 250.000 Mann starkes Heer der Taliban an der Außengrenze Deutschlands gesammelt, nach waren Libyens Kampfjets dabei, Rom zu bombardieren. Militärische Bedrohungen bestanden zwar dennoch, aber nicht auf konventionelle Art und Weise.

Russland mag ein „Obvervolta mit Atomwaffen“ sein und außer Waffen und Rohstoffen nichts nennenswertes exportieren, es ist doch ein anderes Kaliber. Auch wenn seine militärische Schlagkraft kein Vergleich mehr zu der der Sowjetunion ist, so ist es doch durchaus zu militärischen Angriffsoperationen in der Lage, wie es der Georgienkrieg und die Krim-Krise zeigen.

Die größte Gefahr sind falsche Gewissheiten

Während ein direkter Angriff Russlands auf die NATO selbst oder gar die USA unwahrscheinlich scheint, besteht das Problem vielmehr darin, dass die zu erwartende Inaktivität des Westens bei russischen Aggressionen zu einem Konflikt führen kann. Ich habe schon Anfang März geschrieben: „Irgendwann wird jedoch der Punkt kommen, an dem eines der Länder dem Druck nicht mehr nachgibt und sich einem Kampf stellt, selbst wenn er hoffnungslos sein sollte.“

Russland hat mit seinen Erstürmungen ukrainischer Stützpunkte im März 2014 gezeigt, dass es einen Konflikt nicht völlig scheut. Es mag die Gewissheit geherrscht haben, dass die Ukrainer sich nicht wehren würden. Man mag „gewusst“ haben, dass die ukrainischen Schiffsbesatzungen trotz ausdrücklichen Befehls aus Kiew ihre Schusswaffen bei einer Enterung durch die russischen Truppen nicht einsetzen würden. Wie hoch kann eine Gewissheit jedoch sein, wenn sie auf den Schultern unzähliger Individuen ruht, die alle eigene Maßstäbe, Wünsche und Loyalitäten haben?

Ob die „Aktivisten“, die den Flughafen Kramatorsk besetzt hatten, sich auch sicher waren, das Ganze würde so unblutig wie auf der Krim enden? Nun sind aber wohl mehrere von ihnen in Gefechten mit der ukrainischen Armee gefallen.

Scan to Donate Bitcoin
Like this? Donate Bitcoin to at:
Bitcoin 1D2BxgGcNPMCKu1rrjF9Kqa4Na8pzgogGv
Donate

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.