Einschätzung der aktuellen Lage in der Ostukraine

Russland will aktuell nicht um jeden Preis in die Ostukraine einmarschieren, sonst hätte es nicht mittels Manöver und Verlegung eigener Kampfeinheiten an die Grenze die Ukraine zum zeitweiligen Abbruch ihrer Antiterror-Operation gebracht. In diesem Fall wäre es sinnvoller gewesen nichts zu machen und nach den ersten nennenswerten Opferzahlen unter den Separatisten eine „Friedensmission“ nach Abchasischem und Südossetischem Vorbild zu starten.

Russischer T-72B3

Russischer T-72B3. Panzer dieses Typs wurden an die ukrainische Grenze verlegt. By Vitaly V. Kuzmin (http://vitalykuzmin.net/?q=node%2F510) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Vielmehr dürfte Russland klar sein, dass die Ukraine als treuer Freund und Verbündeter nach der Annexion der Krim auf lange Zeit verloren ist. Nun geht es Russland wohl eher darum, dass die Ukraine sich eben jetzt nicht vollends gen Westen orientiert und gleichzeitig als Machtfaktor möglichst ausgeschaltet wird.

Der Weg dazu ist die Angst des Westens vor einer militärischen Konfrontation, woraufhin dieser freiwillig auf eine Aufnahme der Ukraine in NATO und EU verzichtet. Sieht man sich die Facebook-Kommentare an, funktioniert dieser Teil der Strategie hervorragend.
Der zweite Teil ist eine Schwächung der Ukraine. Dies ginge durch Landnahme, gerade eine Kontrolle der ukrainischen Schwarzmeerküste würde das Land völlig von russischen Energieexporten abhängig machen und daher kontrollierbar machen, dies geht aber auch durch innere Destabilisierung. Wenn die Ukraine die Kontrolle über die Städte unter Kontrolle der Separatisten nicht zurückerobert, so wird die geplante Neuwahl am 25. Mai zu einer Farce. Wenn nur ein Teil des Landes sich an der Abstimmung beteiligt, weil Separatisten die Durchführung der Wahl in mehreren Provinzen verhindern, so kann auch die neue Regierung nur eine eingeschränkte Legitimität für sich beanspruchen. Währenddessen werden Russland und die östlichen Provinzen sie als Gesprächspartner ablehnen können.

Eine Invasion ist sicherlich weiterhin eine Option, birgt aber auch erhebliche Risiken. Russland mag nur 4,4% seiner Importe aus der Ukraine beziehen, diese 4,4% sind jedoch von hoher Wichtigkeit. Volle 30% der ukrainischen Rüstungexporte gehen nach Russland. Kein russischer Hubschrauber, auch keiner der aktuell über 260 von anderen Nationen in Russland bestellten, kann ohne die Turbinen von Motor Sich in der Ukraine fliegen. Die russischen Flottenbaupläne kollabieren in sich, wenn die Ukraine aus Mykolaiv keine Gasturbinen und (kann Russland inzwischen teilweise selbst bauen) vor allem keine Getriebe (kann Russland nicht selber bauen) mehr liefert und die russischen Interkontinentalraketen SS-18, SS-19 und SS-25 werden entweder durch ukrainische Firmen gebaut und gewartet oder aber erhalten von dort ihre Steuerungen. Das sind 51% der russischen nuklearen strategischen Arsenals und 80% des russischen strategischen Raketenarsenals. 20% des in Russland verwendeten Urans kommt aus der Ukraine.
Fast jedes russisches Kampfflugzeug verwendet R-27 und R-73 Luft-Luft-Raketen, die wiederum in der Ukraine teilweise (Suchkopf der R-73) oder vollständig (R-27) hergestellt werden. Zahlreiche weitere ukrainische Unternehmen sind als Zulieferer kritisch für die russische Militärproduktion, von Bremsfallschirmen für die neuen Su-34 hin zu Hydrauliksystemen oder Triebwerke.

Die Ukraine hat nun einen Exportstopp nach Russland verhängt. Dies wird in wenigen Monaten in der russischen Militärproduktion spürbar werden. Russland bleiben daher nur wenige Optionen, soll die eigene Rüstungsfertigung inklusive lukrativer Exportverträge nicht auf Jahre lahmliegen, bis in Russland Ersatz geschaffen wurde:

1. Russland könnte versuchen, die Fabriken zu erobern.
2. Russland kann versuchen, die Ukraine so weit zu schwächen, dass sie auf Druck zur Wiederaufnahme der Lieferungen positiv reagiert.
3. Russland könnte eine friedliche Einigung suchen, die aber nach den anhaltenden Aktionen in der Ostukraine und nach der Annexion der Krim unwahrscheinlich ist.

Sollte die Ukraine diese Unternehmen im Falle einer Invasion sabotieren, währen die Schäden für die russische Rüstungspläne enorm. Sollte Russland einfallen, beginnt ein Krieg, dessen Ausgang immer ein Risikofaktor ist, auch wenn keiner der ukrainischen Armee ernsthafte Chancen ausrechnet. Wie weit es aber zu Partisanenkämpfen von Ukrainern gegen die Russen kommt ist nicht vorhersehbar. Ihre Niederschlagung ginge nicht so brutal wie im Kaukasus.

Theoretisch bliebe noch die Möglichkeit, dass Russland mit seinen Aktionen in der Ostukraine einen solchen Druck aufbauen will, dass ein anschließend angebotener Kompromiss nicht nur die Beendigung der subversiven Aktionen Russlands beinhaltet, sondern auch eine Duldung der russischen Annexion der Krim durch die Ukraine und die Wiederaufnahme der Rüstungslieferungen. Dies wäre durch ein möglichst bedrohliches Szenario im Osten des Landes theoretisch denkbar.

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