Die Stärke der Schwäche

Hamid Karzai läuft scheinbar immer mehr politisch Amok. Er kann sich nicht entschließen ein Truppenabkommen mit den USA zu schließen, obwohl sein Land die Hilfe der Amerikaner gegen die Taliban noch auf Jahre benötigen wird. Gleichzeitig werden 65 Terroristen aus der Haft entlassen, obwohl viele von ihnen das Blut westlicher Soldaten an ihren Händen haben. Was also treibt den Präsidenten Afghanistans zu solch scheinbar irrationalen Aktionen?

Hamid Karzai 2006-09-26

Schwache Staaten haben, unter gewissen Umständen, eine eigene Stärke. Die freie Marktwirtschaft ist der Naturzustand der Wirtschaftsordnung. Und in der Tat, so wie zwei Steinzeitmenschen wohl kaum an Quoten dachten, so wirken die Gesetze des Marktes auch weit über das Augenscheinliche hinaus. In besonderen Fällen kann ein Land wegen einer spezifischen Nachfrage anderer Länder eine ganz eigene Stärke entwickeln, die rein gar nichts mit den konventionellen Maßstäben für die Bewertung der Stärke einer Nation, beispielsweise Wirtschaftskraft, Innovationsfähigkeit, Militärmacht oder politische Stabilität zu tun haben.

Die Republik China im Zweiten Weltkrieg erpresste mit ihre Schwäche

Nicht nur das heutige Afghanistan ist ein solches Beispiel. Ich bin in der Vergangenheit bereits öfter auf die Republik China unter Chiang Kai-Shek eingegangen. Im Zweiten Weltkrieg kontrollierte sie noch das Festland, abgesehen von den durch Japan besetzten Gebieten. China selbst war zum damaligen Zeitpunkt militärisch völlig unterlegen. Die erbärmliche Industrie reichte vorne und hinten nicht aus um die Bedürfnisse an Waffen und Material für die Armee zu stellen. Der Ausbildungsstand eines Großteils seiner Soldaten war schlecht und auch Korruption schwächte das Land. Dass Japan nicht das ganze Land erobern konnte lag zwar auch, aber weniger an den chinesischen Streitkräften, als vielmehr an der Größe des Territoriums. So wie eine Schlange ein Beutetier nicht zerkauen kann und es nur bis zu einer gewissen Größe schlucken konnte, so war auch Japan schlicht nicht in der Lage das ganze Land zu schlucken. In Verhandlungen um weitere Militär- und Finanzhilfen wusste Chiang Kai-Shek diesem Umstand mehrfach erfolgreich zu nutzen.

Während die Alliierten nämlich an allen Fronten gegen Japan kämpften und zunehmend auch siegten, stand ein Großteil der japanischen Landstreitkräfte nicht etwa an den Stränden von Iwo Jima oder auf Okinawa, um dort amerikanische Marines abzuwehren, sondern in China. Die Masse der Soldaten der Kaiserlich Japanischen Armee war im Reich der Mitte gebunden, dessen militärische und politische Schwäche eklatant war. Doch Chiang Kai-Shek erkannte die besondere Stärke dieser Situation. Immer wieder drohte er den Allierten mit dem Abschluss eines Separatfriedens mit Japan, sollten nicht weitere Hilfen kommen. Ein solcher Frieden hätte China ohne Zweifel viele seiner Provinzen oder seine politische Unabhängigkeit gekostet, er hätte zugleich jedoch Millionen kampferfahrener japanischer Soldaten für den Einsatz gegen Großbritannien und die USA freigegeben. Entsprechend konnte Chiang immer wieder mit dem Zusammenbruch der eigenen Front drohen – und erfolgreich sein!

Afghanistan ist zu wichtig, um es verlieren zu können

Afghanistan ist heute in einer ähnlichen Situation. Eine heimische Wirtschaft mit nennenswerter Stärke existiert nicht. Das Land wird beherrscht von Korruption, Drogenhändlern und Warlords. Seine Armee mag nominell zahlreich sein, ist jedoch durch eine hohe Desertation, Drogenmissbrauch und Korruption geschwächt. Das Land kann dabei noch nicht einmal den Sold für die Soldaten selbst aufbringen und ist statt dessen auf fremdes Geld für seine ureigenen hoheitlichen Aufgaben angewiesen. Dennoch ziert sich der afghanische Präsident Hamid Karzai damit, ein Stationierungsabkommen mit den USA zu schließen und handelt teils geradezu boshaft provozierend, wenn er beispielsweise Terroristen freilässt und die Taliban als Brüder bezeichnet.
Doch auch hier ist Afghanistan in der seltenen Situation, dass seine völlige Schwäche im Stärke verleiht. Für die USA wäre es undenkbar, dass nach tausenden toten Soldaten und mehr als einem Jahrzehnt Krieg mit unglaublichen Kosten das Land wieder an die Taliban fällt. Die Vorstellung, in wenigen Jahren könnten dort erneut al-Quaida-Trainingslager stehen ist derart inakzeptabel, dass den USA nichts anderes übrig bleibt als Afghanistans politischen Amoklauf duldsam zu ertragen.

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