Die Schlacht um Kundus

Die ad hoc Offensive der afghanischen Regierungstruppen gegen Kundus ist bislang nicht von Erfolg gekrönt. Die vor zwei Tagen in die Hände der Taliban gefallene Stadt ist somit noch immer durch die Gruppe besetzt.

Kurzeinschätzung:

Der Angriff der Taliban war offensichtlich sehr gut geplant. Nicht nur, dass sie es geschafft haben 2.000 Kämpfer zu konzentrieren, ohne dass ihre Absicht dabei von den Geheimdiensten der Afghanen und ihrer Verbündeten entdeckt oder als gefährlich genug erkannt wurden, der Angriff war auch taktisch gut geplant.

Während des Angriffs haben sie wohl drei der vier Hauptzufahrten zur Stadt blockiert. Damit haben sie einerseits das schnelle Senden von Verstärkung verhindert und die Regierungstruppen ihrer Kommunikationslinien beraubt, gleichzeitig ließen sie aber einen Fluchtweg offen. Dies erlaubt einerseits die wenigen unorganisiert auf die blockierten Wege flüchtenden Feinde auszuschalten, es verhindert aber eine vollständige Einkreisung. Die ist im Sinne der Kriegsführung nur dann wünschenswert, wenn man genügend Truppen hat, um die eingekreisten Einheiten auch zu überwältigen und in der Lage ist, die dabei anfallenden eigenen Verluste zu verkraften.

Ein eingekreister Feind kapituliert nur dann zügig, wenn er Gnade erwarten kann und keine Hoffnung hat. Eingekreiste Regierungstruppen würden dagegen auf mehrere hunderttausend andere afghanische Truppen und auf Luftunterstützung hoffen können. Ob die Taliban mit Gefangenen Gnade walten lassen würden, wäre ebenfalls fraglich. Entsprechend hätten eingekreiste Regierungstruppen aller Wahrscheinlichkeit verbissen gekämpft. Selbst wenn sie überwältigt worden wären, hätte dies die Eroberung der Stadt lange verzögert.

Indem die Taliban aber einen Fluchtweg offen ließen, konnten die überlebenden Truppen fliehen. Ob es hier, wie seinerzeit IS gegen die irakischen Streitkräfte in Mossul, eine numerisch überlegene Streitkraft war, die die Taliban in die Flucht schlugen ist mir noch nicht bekannt, aber zu erwarten.

Indem sie die Stadt schnell eroberten, konnten sie unmittelbar mit Befestigungsarbeiten beginnen. Dies ist eine vom IS erprobte Methode, der unmittelbar nach der Eroberung einer Ortschaft die wahrscheinlichen Zufahrtswege mit Erdwällen und Barrieren verschließt, sowie sie mit IEDs vermint. Da die Taliban wohl etwa einen Tag Zeit hatten, dürften diese Arbeiten sichtbare Resultate erzielt haben. Wie in dem oben verlinkten Artikel der Zeit ersichtlich, haben die Taliban in ihre Planung die zu erwartende Verstärkung der ANA und ANP einbezogen und Zufahrtswege zur Stadt auch großräumig mit Barrieren und IEDs erschwert.

Die durch ihren Sieg hoch motivierten Taliban können sich nun in einer Stadt mit 300.000 Einwohnern im Häuserkampf auch gegen numerisch überlegene Regierungstruppen behaupten. Sofern sie genug Ausrüstung erbeutet oder mit sich gebracht haben, sollte der Kampf um die Stadt daher auch bei einem Sieg der Regierungstruppen mindestens einige Tage dauern.

Die Afghanische Nationalarmee (Afghan National Army)

Die Afghanische Nationalarmee (Afghan National Army)

Die strategische Bedeutung

Was bedeutet nun die Eroberung der Stadt für Afghanistan? Die wichtigste und eindeutigste Folge wird psychologisch sein. Dass sie fähig waren Kundus zu erobern, wird ein großer Auftrieb für die Moral der Taliban sein, während er Zweifel in den Herzen der Afghanischen Regierungstruppen und ihrer Unterstützer sät.

Sofern sie es nicht tatsächlich schaffen sollten Kundus zu halten, und das scheint trotz allem unwahrscheinlich, wären die Schäden somit vor allem psychologischer Natur. Da sich die Taliban bereits in Verhandlungen mit der Regierung befinden, ist diese nun möglicherweise zu mehr Zugeständnissen bereit. Unterstützer aus dem Ausland könnten nun vermehrt glauben, dass die Taliban am Ende ohnehin siegen werden und daher ihre Unterstützung für die „verlorene Sache“ vermindern.

Taktisch gesehen wird es höchstwahrscheinlich eine Niederlage bedeuten. Die Taliban werden, wenn die Regierungstruppen siegen, den Großteil ihrer 2.000 eingesetzten Kämpfer verlieren (sofern sie bis zum Äußersten kämpfen), auch wenn die Schlacht um Kundus möglicherweise mehrere Wochen dauern sollte. Hier bietet sich der Vergleich zur Tet-Offensive an, bei der die Vietcong eine vernichtende Niederlage mit gewaltigen Verlusten erlitten, auch wenn sie Huế einen Monat lang halten konnten.

Strategisch könnte es jedoch die gleichen Auswirkungen haben wie eben diese Offensive des Vietnamkriegs. Auch dieses Mal könnte der selbstmörderische Einsatz großer Truppenverbände durch die Guerilla eine taktische Niederlage in einen strategischen Sieg verwandeln, wenn der Angriff die Moral der Regierungstruppen und vor allem ihrer Unterstützer weit genug untergräbt, weil es ja den Anschein hat, die Taliban seinen militärisch enorm stark. Wie schon bei der Tet-Offensive könnte der wahre Sieg also nicht auf der Straße, sondern in den Parlamenten und in der Presse erzielt worden sein.

Um dies zu verhindern, müsste nun die Hilfe für die Afghanische Regierung überprüft werden. Theoretisch wäre es möglich, dass Kundus in einem Überraschungsangriff unter Aufwendung aller Reserven erobert wurde, dies also ein „letztes Aufbäumen“ der Taliban war. Allerdings erscheint dies unwahrscheinlich. Zudem hätte solch ein Angriff eigentlich nicht „überraschend“ sein dürfen, wenn die Taliban alleine 2015 die Eroberung der Stadt bereits zweimal versucht haben.

Um also einen langfristigen Schaden für die ANA und ANP zu verhindern, müssten die Verbündeten der Afghanen, und alle Nationen die kein Interesse an einem Emirat Afghanistan unter den Taliban haben, jetzt überprüfen, welche militärische Hilfe sie Afghanistan zeitnah zukommen lassen.

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