Die Niederlage Kurdistans ist nur eine Frage der Zeit

Die Kurden im Irak stehen vor der noch ein Stück weit entfernten, aber wohl unvermeidbaren Niederlage.

 

Referendum mit gewissen Ausgang aber ungewisser Zukunft

Mit ihrem Referendum, von dem all ihre Unterstützer abgeraten haben, ja das jeder Unterstützer verhindern wollte, haben sie nicht nur die Integrität des Iraks in Frage gestellt. Sie haben auch in Gebieten abstimmen lassen, die sie nach der Schwäche der Zentralregierung 2014 vor den anrückenden IS-Schlächtern besetzt haben. Gebiete, die sie zwar beanspruchen und in denen es auch signifikante kurdische Bevölkerungsteile gibt, die jedoch nicht Teil des kurdischen Autonomiegebietes waren.

Die irakische Zentralregierung hatte sich bislang wegen anderer Sorgen zähneknirschend damit abgefunden, dass die Kurden das Gebiet besetzt halten, im Besonderen die Region um Kirkuk mit der Millionenstadt und einem wesentlichen Teil der irakischen Erdölförderung. Indem die kurdische Regierung nun aber auch dort über die Unabhängigkeit hatte abstimmen lassen, musste die irakische Regierung reagieren, wollte sich nicht den faktischen Zustand mit ihrer Passivität auch juristisch anerkennen.

 

Die innerkurdischen Konflikte werden offensichtlich

Während irakische Truppen und schiitische Milizen anrückten (vereinzelte Berichte sprechen auch von der Präsenz von iranischen Revolutionsgarden und sogar regulären iranischen Armeeeinheiten – letzteres scheint jedoch unwahrscheinlich, erste sind wohl nur als Berater dabei), gaben Teile der Peschmerga ihre Positionen auf und übergaben sie den Truppen unter der Kontrolle Bagdads.

Einmal mehr zeigte sich, dass „die Peschmerga“ ein Name sein mag, aber keine einheitliche Streitmacht. Vielmehr sind es Parteimilizen. Während die Partei von PDK mit dem Unabhängigkeitsvotum durchsetzte, boykottierten die Anhänger der anderen großen Partei, der PUK, die Abstimmung mehrheitlich. Es waren dann auch die PUK-Peschmerga, die zumindest teilweise „Verrat“ übten und ihre Stellungen den irakischen Truppen preisgaben, während die PDK-Peschmerga aber wohl auch Teile der PUK-Peschmerga gegen die Truppen Bagdads kämpften.

So aber standen irakische Streitkräfte in Kirkuk binnen nur weniger Stunden, was eine Massenflucht von Kurden aus der Stadt auslöste. Die Preisgabe der Front durch PUK-Einheiten zeigt nicht nur die problematisch einzuschätzende Lage der Peschmerga selbst, die von Loyalitätskonflikten genauso geprägt sind, wie von Rivalitäten. Sie zeigt auch, dass das Misstrauen unter den Ethnien so drastisch ist, dass tausende, wenn nicht zehntausende, Kurden es für nötig halten, vor den Truppen der eigenen Regierung zu fliehen. Denn de jure sind sie nicht Teil des Autonomiegebietes und die anrückenden Truppen wären „ihre“.

 

Ein Autonomiegebiet war im Interesse des Auslands

Die kurdische Lage war bis dahin sehr gut. Ihre Anerkennung war weltweit gestiegen und sie wurden inzwischen so weit akzeptiert, dass ihre Milizen sogar von regulären Truppen aus NATO-Staaten ausgebildet wurden, so auch von Deutschland.

Der Weg dorthin war aber weniger durch eigene Kraft erreicht, sondern vielmehr immer auch ausländischer Intervention geschuldet. 1991 erreichten sie ihre Autonomie, weil die Koalition der UNO unter Führung der USA gerade Saddams Truppen in Kuwait zerschlagen hatten und mit einer Flugverbotszone den Einsatz der verbliebenen irakischen Streitkräfte, inklusive der Luftwaffe, verhinderten.

Ab dann war das Autonomiegebiet ein nützliches Instrument zur Schwächung von Saddam Hussein. Ob durch den Iran, auf dessen Seite die PUK gegen Saddams Regierung gekämpft hatte, oder durch den Westen (vor allem den USA und Israel), die so den Irak Saddams nachhaltig schwächten, indem sie ihm der Kontrolle eines Drittels seines Gebietes beraubten. Auch die Türkei konnte mischte hier mit, wenngleich ihre Ziele vielschichtiger waren.

2003 waren die Kurden die lokalen Verbündeten der USA und kurdische Peschmerga marschierten unter Feuerschutz von US-Kampfjets zusammen mit US-Spezialeinheiten gegen die irakischen Streitkräfte. Im anschließend nicht mehr selbst verwalteten Irak waren die Kurden in der Lage, ihre Situation weiter zu stabilisieren. Dies gelang ihnen so gut, dass sie international zunehmend als Vorbild für den Irak galten, während ihre politische Stabilität und ihre angenommene Verlässlichkeit ihr Ansehen weiter steigen ließ.

Nach der anfänglichen Flucht auch von Peschmerga vor den IS-Kämpfern entwickelten sich die Kurden zu wesentlichen Stützen des Kampfes gegen den Islamischen Staat.

 

Ausländische Unterstützer fehlen für die Unabhängigkeit

Seit 1991 hatten die Kurden also ausländische Unterstützer. Nicht immer offen, nicht immer mit ganzem Herzen. Nicht immer wurden Waffen und Munition geliefert, aber doch immer wieder. Seit 2014 wurden dann sogar durch die Bundeswehr Waffen geliefert.

Jetzt hat Masud Barzani jedoch völlig falsch gepokert. Keiner seiner ausländischen Unterstützer wollte sein Referendum und keiner ist bereit, das Resultat zu akzeptieren. Die Türkei, der Iran und der Irak sind nun plötzlich einig darin, einen kurdischen Staat um jeden Preis zu verhindern. Würde es den Irak doch nicht nur die Autonomiegebiete, sondern weitere Teile des Landes kosten, während der Großteil der Kurden noch nicht einmal im neuen Staat lebt, sondern vor allem in der Türkei und dem Iran. Dort würde der stetig schwelende Aufstand türkischer Unabhängigkeitskämpfer (die teilweise terroristisch vorgehen und entsprechend als Terrororganisation bezeichnet werden) dadurch massiv befeuert werden.

Dass Israel das Referendum als wohl einzige relevante Macht begrüßt, ändert nichts. Israel wird den Kurden nicht helfen. Seine Unterstützung dürfte eher gegen die Kurden ausgelegt werden, die sich damit in den Augen der Nachbarstaaten zum „Büttel der Zionisten“ gemacht haben.

 

Ein Überleben des Autonomiegebiets ist in fremden Händen

Jetzt sind also alle ausländischen Unterstützer weg, alle Nachbarstaaten betreiben eine Blockade und alle sind im Ernstfall sogar bereit, militärisch einzugreifen. Der Luftraum über „Kurdistan“ ist von fremden Kampfflugzeugen kontrolliert, die Landgrenzen durch Staaten, die keine kurdische Eigenstaatlichkeit wünschen. Eine nennenswerte Rüstungsindustrie gibt es nicht, womit die kurdischen Streitkräfte einem längeren konventionellen Konflikt nicht gewachsen sein können.

Dass kurdische Autonomiegebiete am Ende wohl doch noch existieren werden, wird weniger an der kurdischen Stärke liegen, sondern vielmehr an der Selbstbeschränkung der Nachbarn. Sicherlich auch auf Druck westlicher Staaten, aber nicht etwa, weil die Kurden jetzt noch selbst dazu in der Lage wären.

Die irakischen Streitkräfte mögen so schlecht sein, wie sie sind. Ihre numerische und materielle Überlegenheit würde alleine schon mittelfristig reichen. Dass der Iran und die Türkei sich im Zweifelsfall beteiligen würden, besiegelt das Schicksal.

Masud Barzani hat hoch gepokert und verloren. Wir werden sehen, wie genau die Details der Niederlage sein werden. Aber die Niederlage selbst ist nur noch eine Frage der Zeit.

 

Jedem an dem Thema interessierten sei die Facebook-Pinnwand von Thomas von der Osten-Sacken nahegelegt. Er ist ein tatsächlicher und echter Experte für das Gebiet mit Jahrzehnten Erfahrung vor Ort.

 

 

Mein aktuelles Buch befasst sich mit der „Flüchtlingskrise“ und ist hier käuflich zu erwerben: Nein, wir schaffen das nicht!: Warum die aktuelle Flüchtlingskrise zu einer Staatskrise wird

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann können Sie mich auf Patreon (hier klicken) unterstützen oder speichern Sie sich diesen Link hier als Lesezeichen für Ihre Einkäufe auf Amazon ab, um mich künftig mit etwa 5% Ihrer Einkaufssumme zu unterstützen – ohne Mehrpreis für Sie! Folgen Sie mir hier auf Facebook und tragen Sie sich hier in meinen Newsletter ein, um mehr von mir zu hören.

Keine Beiträge mehr verpassen!

Scan to Donate Bitcoin
Like this? Donate Bitcoin to at:
Bitcoin 1D2BxgGcNPMCKu1rrjF9Kqa4Na8pzgogGv
Donate

Ein Gedanke zu „Die Niederlage Kurdistans ist nur eine Frage der Zeit

  • Der ehemalige amerikanische Botschafter in Kroatien, Peter Galbraith, hatte sich ein gutes „Beratungs“-Honorar von Koenig Barzani zahlen lassen (2 Millionen) damit die KRG (kurdische regional Regierung) weitestgehende Autonomie bei den Verhandlungen über die Zukunft des Iraq erhielt.
    Das jedoch niemals eine Raffinerie in Kurdistan gebaut wurde, Benzin und Diesel in der Türkei raffeniriert wurden schuf nicht nur Abhängigkeiten, es trug auch sehr zu dem Patronagen System um Barzani bei. Der engere Kreis um Sicherheitschef Masrour B., ein Neffe von Massoud B., ist eine Geburt von Falcon Security und Mossad-nahen Individuen. Von Seiten der „westlichen“ Regierungen war niemals wirklich an einem souveränen kurdischen Staat gearbeitet worden.
    Darum, Barzani mag hoch gepokert haben, vor allem aber wurde er und seine Peschmerga missbraucht. Ironischerweise war die Kurdistan Democratic Party die diese dusselige rote Fahne von dem Mädchen-Schänder Abdullah Öcalan, abschaffte und damit die Illusion von einem unabhängigen Kurdistan erst wirklich ermöglichte.
    Ich habe die weitaus überwiegenden Mehrheit der Kurden als sehr gastfreundlich und ehrliche Menschen kennengelernt. Leider hat die NATO mit ihrer idiotischen Unterstützung fuer die radikal-nationalistischen UCK-Albaner jegliche wirklich wichtigere Unterstützung fuer die Kurden verspielt. Und nach Libyen, – wer glaubt denn noch das die NATO mit dem Argument: „humanitäre“ Mission die geringste Glaubwürdigkeit verdient.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.