Darum konnte Erdogan mit seiner Maschine nach Istanbul fliegen

Einer der Gründe, weshalb viele an einen inszenierten Putsch glauben ist, dass Erdogan mit der Präsidentenmaschine und eingeschaltetem Transponder nach Istanbul geflogen ist. Dies ist ein Screenshot von flightradar24.com, der mir auf die Facebook-Seite gepostet wurde. Selber konnte ich den Flug leider nicht in der Datenbank von Flightradar finden, was vielleicht daran liegt, dass der Flug jetzt Tage her ist.

Die soll die Transponderdaten des Flugzeuges mit Erdogan an Bord zeigen.

Dies soll die Transponderdaten des Flugzeuges mit Erdogan an Bord zeigen.

Die Frage scheint berechtigt, wie der türkische Präsident sein Flugzeug mit eingeschaltetem Transponder benutzen konnte, wo doch die Putschisten über Flugzeuge verfügten. Um 23 Uhr verkündeten die Militärs die Machtübernahme, schon um 0:20 Uhr landete Erdogan in Istanbul. Laut des Screenshots betrug seine Flugzeug 1:37 Stunden.

Schon um 19:29 Uhr wurden die Brücken geschlossen und um 19:50 überflogen Jets Ankara, während Hubschrauber über Istanbul waren. Schon um 22:59, also kurz nach dem Zeitpunkt des Stars der Regierungsmaschine mit Erdogan, berichtete der türkische Sender NTV vom Abschuss eines Hubschraubers der Putschisten in Ankara durch ein Kampfflugzeug der Loyalisten. Spätestens jetzt war die Luftherrschaft also wieder gesichert. Schließlich hatte die Welt berichtet, die Putschisten hätten über sechs F-16 verfügt, die von der Luftwaffenbasis in Malatya gestartet seien.

Um 23:39 und um 00:27 Uhr kam es zu Explosionen am Parlamentsgebäude von Ankara, ob durch Flugzeuge ist mir bislang nicht bekannt. Spätere Meldungen lassen erwarten, dass dies die Luftangriffe auf Panzer der Putschisten waren.

 

Zu wenig Flugzeuge, zu wenig Reichweite

F-16 Jets haben eine Einsatzreichweite von etwa 600 Kilometern. Mit anderen Flugprofilen, vor allem durch Flug in großer Höhe und mit geringerer Geschwindigkeit, und einer geringeren Verweildauer vor Ort kann diese Distanz gestreckt werden, aber nicht beliebig. Weitere Zusatztanks erlauben ebenfalls eine größere Reichweite, aber merklich weniger Waffenzuladung.

Eine F-16 der türkischen Luftstreitkräfte. Sechs Flugzeuge dieses Typs waren auf Seiten der Putschisten im Einsatz.

Eine F-16 der türkischen Luftstreitkräfte. Sechs Flugzeuge dieses Typs waren auf Seiten der Putschisten im Einsatz.

 

 

Die Entfernung per Luftlinie zwischen Malatya und Istanbul beträgt 851 km, womit sich Istanbul bereits theoretisch außerhalb der Reichweite von in Malatya gestarteten F-16 befindet. Mit Zusatztanks und anderen Flugprofilen dürfte ein Erreichen Istanbuls jedoch kein Problem sein, die dort geflogenen Show of Force Flüge sind jedoch Treibstoffintensiv, vor allem wenn sie in Überschall stattgefunden haben sollten. In diesem Fall wäre die Verweildauer der F-16 vor Ort in Minuten gewesen.

Erdogan befand sich in Marmaris im Urlaub. Die Entfernung per Luftlinie zwischen Malatya und Marmaris beträgt 899 km, also haben F-16 über dem Ort noch weniger Zeit, durch ihre Präsenz einen Flug Erdogans mit einem Hubschrauber zu verhindern. Dalaman, von wo aus Erdogan gestartet ist, ist 856 km von Malatya entfernt und somit kaum näher. Dazu darf davon ausgegangen werden, dass die Präsidentenmaschine unter Garantie Geleitschutz erhalten hat.

Mir noch unbekannt ist die Frage, ab wann die Putschisten-Jets nicht mehr in Malatya starten konnten. Dies wäre noch zu klären. Aktuell deutet jedoch alles darauf hin, dass sie einen Einsatz geflogen sind und danach die Luftherrschaft über der Türkei an die Loyalisten überging. Damit ist es rechnerisch unmöglich gewesen, dass die sechs F-16 der Putschisten den Flug Erdogans verhindern konnten.

Da sich das Militär in all seinen Führungsstellen an die Seite der Regierung gestellt hat, ist davon auszugehen, dass zum Zeitpunkt des Flugs Erdogans nicht nur die Luftherrschaft wieder fest in den Händen der Loyalisten war, sondern auch dass dieser Umstand der Regierung selbst bekannt war. Für Erdogan bestand somit schlicht keine Gefahr mehr in der Luft. Er konnte fliegen und dies natürlich mit eingeschaltetem Transponder.

 

Update:

Reuters berichtet, zwei F-16 hätten die Präsidentenmaschine, die mit zwei F-16 als Geleitschutz flog, mit ihrem Radar beleuchtet, aber nicht gefeuert. Laut Reuters seien es sogar Maschinen der Putschisten gewesen: „A senior Turkish official confirmed to Reuters that Erdogan’s business jet had been harassed while flying from the airport that serves Marmaris by two F-16s commandeered by the coup plotters but that he had managed to reach Istanbul safely“

Es wäre noch zu klären, ob es wirklich Maschinen der Rebellen gewesen sind, was angesichts der gleichen IFF-Kennung nicht aus der Luft zu erkennen gewesen sein dürfte. Das wiederum würde erklären, warum sie nicht gefeuert haben, weil es unwahrscheinlich ist, dass zwei Maschinen der Putschisten ein Zivilflugzeug eskortieren. Wie bei allen Dingen, wo die Informationen erst hereintröpfeln, können sich die Umstände und ihre Bewertung mit wechselnder Informationslage natürlich ändern. So möglicherweise auch hier. Vielleicht haben also doch Putschisten-Flugzeuge Erdogan bedroht. Ich halte es jedoch weiterhin für unwahrscheinlich, dass gegen 23 Uhr noch Putschisten-Flugzeuge im Westen des Landes operierten. Zumindest keine aus Malatya.

 

Siehe auch: 

Warum ein Putsch scheitert

 

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